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Wege aus der Krise: wie dichtende Denker Gesellschaft gestalten

Zusammenfassung & Vertiefung der Polaritäten

Halten wir fest: ganz offensichtlich waren die alten Gesellschaften bis ins Detail durchorchestriert, und von der Kleidung bis zu Wortwahl und Befugnissen war nichts dem Zufall überlassen worden. Das widerspricht völlig einer zufälligen Entwicklung, sondern zeugt für den Ansatz einer von Wissenden eingerichteten Lebensschule. Diese ist nun vorbei, und wir frei zur eigenen Gestaltung. Leider wird das dazu nötige Wissen nicht unterrichtet, weshalb wir es hier durch Betrachtung der zwei Lebenswelten mühsam zusammenklauben müssen – aber sicher geleitet von eigener Lebenserfahrung, und mit Unterstützung durch den gewaltigen Wissensschatz der Anthroposophie Rudolf Steiners.

Da vieles zu besprechen ist (immerhin 30 Jahre meiner Spurensuche) geht es manchmal etwas durcheinander. Verzeihung dafür, aber es braucht Zeit, bis sich aus vielen Fäden der Teppich webt.

Absolut widersprüchlich

Dass es zwei Regelsphären gab anstelle eines Allbestimmers, dürfte nun klar sein. Was bisher aber nur zart anklang, war die Gegensätzlichkeit dieser Sphären, also des Vater- und Mutterpols. Da wir Grundprinzipien herausarbeiten wollen, die später zur leichten Orientierung dienen, muss eines betont werden:

Was bei Hofe oder im Volk so getrieben wurde, das folgte dem Vorbild von Weltprinzipien.

Ich erinnere an Herrn Plus, Frau Minus und das Kasperletheater. So wie Weltenkräfte in unserer Seele als Temperamente auftauchen, oder als männlich-weibliche Kraft, so ist auch die Konkurrenz in der Männerwelt ein Weltprinzip, oder die Kooperation in der weiblichen. Sehen wir uns zunächst die Gegensätzlichkeit an. Achte dabei bitte auf fundamentale Widersprüche, wie etwa zwischen Standhaftigkeit und demutvoller Hingabe.

Das Reich des Vaters

Typisch für die Männerwelt (oben), die bis vor kurzem Adel, Militär und Wissenschaft ausschließlich dominierte, ist Konkurrenz. Hier zählt das Ich-Prinzip in der Selbstbehauptung, also als Führer einsame Entscheidungen zu treffen und dafür gerade zu stehen. Gelingt dies, wird man als Held gefeiert, oder im Fall des Scheiterns persönlich zur Rechenschaft gezogen. Schweigen ist hier Gold, also Geheimnisse wahren zu können.

  • Motto: Einer für alle
  • Leitspruch: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen
  • Form: Geheim- und Zweckbünde, Orden und Stiftungen
  • Prinzipien: Trennung und Sonderung, Strukturbildung und Abgrenzung, Stillstand und Unveränderlichkeit bis hin zur Erstarrung
  • Haltung / Werte: Stolz, Ehre, Standhaftigkeit und Treue, Verehrung und Anerkennung, Kritik, Macht
  • Menschenbild: Ansehen der Person, fordern im “mach was aus dir!”, Belohnen von Leistung und Anstrengung, Strafe bei Versagen
  • Archetypen: Tag, Sonne, Bewusstsein, Wissenschaft, Klarheit, Tod

Die Welt der Mutter

In der früher ausschließlich von Frauen dominierten mütterlichen Welt (unten) steht die Gemeinschaft über dem Einzelnen und fängt diesen auf. Das Eigenwohl hat sich dem Gemeinwohl unterzuordnen, weil das Überleben und die Weiterentwicklung aller zählen. Der Konsens im Gruppenwollen dominiert das Eigenwollen, und richtet sich nach tatsächlichen Bedürfnissen, Erfordernissen und Möglichkeiten (Gesundheit, Ernteertag etc.). Hier dominiert die Sorge umeinander, und deshalb kümmert sich jeder um jeden. Basis dafür ist enge Vernetzung und reges Gespräch zum Informationsaustausch. Reden ist hier das Gold, und Geheimniskrämer sind nicht erwünscht.

  • Motto: Alle für einen
  • Leitspruch: Jedem das Seine (jedem Tierchen sein Plaisierchen)
  • Form: Genossenschaften und Wohlfahrtsverbände
  • Prinzipien: Umhüllung und Durchdringung, Auflösung von Strukturen bis zum Chaos, Bewegung und fließende Übergänge
  • Haltung / Werte: Hingabe, Einverstandensein, mit dem Strom gehen, Demut, Glaube, Opfer, Dank, Staunen, Ohnmacht
  • Menschenbild: Ansehen der Art im “das kann jedem mal passieren”, jeder soll unterschiedslos, also ohne Ansehen der Person nach seinem Bedürfnis satt werden, Mitleid, Akzeptanz und Toleranz
  • Archetypen: Nacht, Mond, Rausch, Zauber und Magie, Widersprüche, Leben

Volksmund und der Väter Sitte

Werten wir ein wenig aus, welche Schätze in den Auflistungen verborgen ruhen. Nachfolgende Weisheiten und Sinnsprüche kennt und versteht wohl jeder. Dadurch wird leichter erlebbar, worum es geht. Lass beide Seiten bitte etwas auf Dich wirken (die Zuordnung ergibt sich aus dem bisher Erarbeiteten).

VaterweltMutterwelt
Selbst ist der MannEine Kette ist nur so stark wie das schwächste Glied
Der frühe Vogel fängt den WurmEile mit Weile
Verlass dich auf andere, und du bist verlassenGeteiltes Leid ist halbes Leid
Der Zweck heiligt die MittelWas du nicht willst, das man dir tu…
Jeder ist seines Glückes Schmied Der Mensch denkt, Gott lenkt
Das vergess ich dir nie!Die Zeit heilt alle Wunden
Schlau wie ein FuchsListig wie eine Schlange

Was neben der Gegensätzlichkeit auffallen kann, ist, dass sie heute in einen Topf geworfen und oft verdreht werden.

Diese Weisheiten lösen etwas in uns aus, doch am falschen Platz eingesetzt, sorgen sie u.a. für das Zögern der Vielen, den Überreichtum Weniger als Unrecht zu empfinden; denn den haben sie sich ja “verdient”. Deshalb lohnt Überprüfung, was wo am richtigen Platz ist – und warum!

Diese Sinnworte nach ihrer Herkunft zu sortieren und gegenüberzustellen ließ außerdem etwas hervortreten, das im Durcheinander untergeht. Betrachten wir hierzu Elemente von oben im Nebeneinander:

Typisch männlichTypisch weiblich
Stolz, Ehre, Standhaftigkeit und Treue, Verehrung und Anerkennung, Kritik, MachtHingabe, Einverstandensein, mit dem Strom gehen, Demut, Glaube, Opfer, Dank, Staunen, Ohnmacht
BewusstseinRausch
WissenschaftZauber und Magie
KlarheitWidersprüche

Warum Frauen Furcht einflößen

Hast Du Dir die Widersprüche durchs Gemüt ziehen lassen, werte Leserin und Leser, vor allem in den unteren 3 Zeilen? Wer liebt mehr die (be-) rauschenden Feste im schummrig-zwielichtigen Kerzenschein, lässt sich die Karten legen, schwärmt für Esoterik und erscheint oft widersprüchlich bis nicht verstehbar? Und wer opfert sich gern für andere auf, unter Verzicht auf eine eigene “Karriere”? Männer oder Frauenmenschen? Nun zur tiefen Bedeutung, die darin liegt.

Beweisbarkeit und Exaktheit gelten in unserer wissenschaftlich dominierten Zeit als Synonym für richtig und gut. Wer nicht “erklärbare” hieb- und stichfeste Fakten präsentieren kann, wie die Homöopathie oder gar Geistheiler, wird sofort mit Hohn und Spott überschüttet (auch wenn die Erfolge unbestreitbar sind!).

Ah, “so einer”, der noch an Wunder und Märchen glaubt.

Zwar glauben auch die meisten Frauen an Wunder, z.B. das Wunder der Liebe, einer Versöhnung oder “dass es schon irgendwie werden wird”. Sie geraten auch leicht in Verzückung beim Anblick wunderhübscher Tierchen und allem kindlich-Reinen, aber genau deshalb sind sie in den Augen vieler Männer ja niedlich und nicht wirklich ernst zu nehmen. Doch eng geknüpft an die Herablassung ist eine tiefe Furcht des Mannes vor der Frau, vor allem in der westlichen Zivilisation. Da ist die unerklärliche Angst, von ihr mit Haut und Haaren verschlungen zu werden, ihr doch nicht ganz gewachsen zu sein – und wehe, sie will sich rächen!

Woher kommt diese Furcht, die zur Hexenverfolgung führte? Und die Männer hilflos zur Gewalt greifen lässt, weil sie sich gegen die fremde Kraft nicht mehr anders zu helfen wissen? Nun, sie ahnen den gähnenden Abgrund! Männer finden das Weibliche bezaubernd, und lassen sich auch gern verzaubern; doch schmal ist der Grat zur Hexerei, wo man be- und verhext wird, und willenloses Opfer echter Zauberkraft. Magie gibt es, keine Frage, und in den Waffen der Frau kommt sie zum Einsatz – allerdings meist unbedacht und zur Erreichung egoistischer Ziele.

Doch zum Heilen und Wandeln sind sie eigentlich gedacht.

Frauen sind stark im Glauben, etwa an die Möglichkeit zu Heilung, das Schicksal und wundersame Fügungen, und sie nehmen vieles einfach staunend-lachend hin, wo Männer nur nüchterne Fakten sehen. In letzten Resten schimmert hier die Mutterwelt durch, wo in Mysterienkulten uralte Geheimnisse gehütet wurden, die der kühnste Verstand sich nicht zu erträumen wagt. Es geht hier um eine Art von Wissen, das bis an den Anfang der Welt reicht, aber – heute in Nebel gehüllt – sich nur in Intuitionen und Ahnungen kundtut (weiter oben streiften wir das Thema schon, und zwar beim Beitrag der Kirche zur Ablösung alter Hellsichtigkeit).

Genau dieses urweibliche Wissen über Verwandlung und Entwicklung im Laufe der Zeit(en) und Gezeiten fehlt in der Welt, vor allem im Miteinander.

Ich will immer deutlicher herausarbeiten, dass die Seelenkostüme von Männern und Frauen ganz und gar nicht gleich sind, wie heute behauptet wird. Im Gegenteil haben wir es mit Bewohnern völlig unterschiedlicher und einander fremder Welten zu tun. Das fällt im Alltag nur nicht so auf, wo man ja mehr nebeneinander als miteinander lebt.

Auch ich durchlief die Phase des von Männern geliebten “alles ist erklärbar”, doch fand ich ausgerechnet in der Naturwissenschaft fast mehr Graubereiche als Klarheit. Es gibt jede Menge Wunderliches, nur wird es immer wegerklärt und totgeschwiegen. Überall und jederzeit finden Vorgänge statt, die jeder Physik spotten, z.B. dass Pflanzen Materie erzeugen und wieder entmaterialisieren können. Siehe die Experimente von Rudolf Hauschka, über den hier eine spannende Kurzbiographie zu lesen ist.

Tore zur Anderwelt

Mein liebstes Beispiel ist aber die Raupe, die nicht etwa durch einen Umbau der alten Struktur zum Schmetterling wird. Nein. Die alte Form wird vollständig zu formlosem Brei aufgelöst, total chaotisiert also, und darin erscheint wie von Zauberhand die neue Gestalt. Solche Vorgänge finden in unserem Körper ständig statt, man will sie nur nicht näher untersuchen! Vieles wäre noch anzuführen, von dem ich hier einiges beschrieben habe. Die für Frauen so typische Hingabe und Opferbereitschaft sind also nicht einfach das Gegenteil von Standhaftigkeit, und Glaube nicht das Gegenteil von Wissen.

Wissen und Glauben müssen sich vielmehr ergänzen!

Hierzu Rudolf Steiner:

Staunen, Verehrung, weisheitsvoller Einklang mit den Welterscheinungen, Ergebung in den Weltenlauf, das sind die Stufen, die wir durchzumachen haben und die immer parallel gehen müssen dem Denken, die niemals das Denken verlassen dürfen– sonst kommt das Denken zum bloß Richtigen, nicht zum Wahrhaftigen. Du sollst gar nicht von deinem Denken erwarten, dass es dir Erkenntnisse des Wahren geben kann, sondern du sollst von deinem Denken zunächst bloß erwarten, dass es dich erzieht.
GA 134

Mit meinen Worten
Alles Nachdenken in der abstrakt-lebensfernen Art, wie wir das heute tun, wird uns genausowenig aus der Krise führen, wie schöngeistige Reden und gefühlvolle Appelle. Erst aus der Versöhnung einseitig männlichen Abstraktionsvermögens mit weiblicher Bewegungskraft zur einfühlenden Verbindung der Gegensätze kann das von Rudolf Steiner so genannte “lebendige Denken” hervorgehen. Dieses ist aber keine “Funktion” unseres Gehirns, sondern das Ergebnis des aktiven Wechsels der Perspektive zum Finden dessen, was jetzt gerade wahr ist.

Im Zustand der Hingabe, des Vertrauens und der Gläubigkeit öffnet man sich Kräften, die sozusagen einer anderen Dimension angehören. Durch die Bereitschaft und Fähigkeit, das Gewordene loszulassen, gepaart mit Hoffnung und Zukunftserwartung, kann das Neue ins sichtbare Dasein treten, sich offenbaren.

Deshalb braucht es Zeiten des Chaos, in denen sich das Alte auflöst, seien es Lebensentwürfe oder Weltreiche.

Frauenmenschen, so könnte man sagen, vermögen Tore zur anderen Welt zu öffnen, aus der dann z.B. die Seelen als Kinder kommen können. Dazu braucht es keine technischen “Stargates” oder Schwarze Löcher, die ja so viele begeistern. Nur selbstvergessene Hoffnung, in stiller Erwartung des Wunderbaren.

Warum empfinden wir denn jede Schwangerschaft und Neugeborene als ein Wunder? Na weil es eines ist, was der wissenschaftliche Verstand aber als “rein natürlichen Vorgang” leugnen muss. Spontanheilungen gehören zu solchen Wundern, doch bleiben wir im Alltag.

Warum sagt man eigentlich, man müsse etwas sacken lassen oder erst verdauen? Was ist die Ruhe im Unterschied zur kurzen Pause, und wie genau kompostieren Erfahrungen und Wissen zu seelischer Reife? Warum sollten wir Dinge manchmal ruhen lassen, oder sie gar “vergeben und vergessen”, und darf Reifeprozesse nicht stören? Wir wissen nur, dass man nicht alles ständig ans Tageslicht zerren darf, damit sich im trüben Dämmer und nächtlichem Dunkel jene Prozesse vollziehen können, die zur Wandlung führen.

Das liegt nicht in unserer Hand, und der (männliche) Verstand mit der Kraft zur Abgrenzung kann nur eines tun: einen Rahmen schaffen, damit sie von statten gehen können.

Hier deutet sich einmal mehr das rechte Zusammenspiel von Vater- und Mutterkraft an! In Entwicklungen darf man nicht eingreifen, wie jeder Gruppentherapeut weiß, man kann sie nur begleiten. Und hier sind die Frauenmenschen mit ihrer – sofern sie entwickelt wurde – einzigartigen Intuition und feinen Sinnen gefragt. Eine Art von Wissen wird gebraucht, das mit Gemütszuständen der Innerlichkeit verbunden ist, wie Andacht und Ehrfurcht, Bereitschaft zum sich Einlassen, mit Allem eins zu werden, und etwas annehmen und stehen lassen zu können. Aber über allem ist Staunen nötig, sich wundern zu können und Vertrauen.

All das eben, was die Wissenschaft in ihrer heutigen Einseitigkeit genauso verabscheut wie das Wirtschafts-“Getriebe”.

Bitte überlege einmal, welche Rolle diese Eigenschaften in unserer Gesellschaft spielen? So gut wie gar keine! Was wir dringend brauchen ist weibliche Wesensart in einer richtig verstandenen Frauenquote. Nicht Träger bestimmter biologischer Merkmale sind gesucht, sondern bestimmter seelischer Qualitäten!

Desweiteren ist nötig, dass beide Pole, beide Arten von Wissen wieder zusammenfinden. Der Mäusemordende Laborant ist Sinnbild für eine Wissenschaft, die den Bezug zum Mutterwesen komplett verloren hat. Sie muss sich mit dem unteren Menschen wieder vereinen, so dass unser Denken wieder lebensvoll und der Labortisch zum Altar wird. So formulierte es Rudolf Steiner. Der Wissenschaftler soll zum Priesterweisen werden, und der freie Denker sich mit dem empanzipierten Dichter verbünden. Denn sie brauchen die gegenseitige Unterstützung!

Dann werden wir auch kein Wirtschaften mehr dulden, das die Erdenmutter vergewaltigt, und Managern jenes Geld zahlt, das eigentlich den Müttern und Kindern zustünde. Wir werden auch keine Andersdenkenden mehr verfolgen (auch keine Verschwörungstheoretiker) – aber erst dann, wenn sich der (männliche) Denker von Autoritäten befreit, und der (weibliche) Dichter von Gruppennormen emanzipiert hat. Erklärung folgt.

Halten wir fest
Vater und Mutter repräsentieren völlig unterschiedliche Herangehensweisen und Kräfte. Er ist nach außen gerichtet, auf das klar Verstehbare und begrifflich Fassbare. Ihr Blick geht nach Innen, wo sich im Dämmer Erstaunliches und kaum Aussprechbares in Prozessen vollzieht. Er ist auf sich bezogen bis zur Selbstsüchtigkeit, sie lebt selbstlos in den anderen und in Allem – bis hin zur Selbstaufgabe.

Interaktion beider Kräfte / Bilder & Beispiele

Damit das Gesagte plastisch wird, möchte ich zwei weitere Beispiele und Bilder für das Zusammenspiel der Kräfte geben.

Beispiele aus dem Alltag

1) Was Detektive so tun
Sherlock und Dr. Watson betreten den Tatort: am Boden ein Toter, daneben ein blutiges Messer. Ein Blick genügt für Watson, um zu konstatieren: “Das war Mord, ganz klar.” Doch Sherlock stutzt: nur an der Hand ist etwas Blut zu sehen! Und warum liegt eine Spritze auf dem Tisch? Am Ende zeigt sich, dass der Mann Diabetiker war, der beim Ausnehmen der Forelle in den Zuckerschock fiel und daran starb. Er hatte einfach vergessen, sich die Spritze zu setzen.

Ein ganz normaler Krimi halt, und je komplizierter der Fall, desto mehr Spaß macht die Lösungssuche, nicht wahr? Leicht entgeht dabei, was nicht nur Dektektive, sondern auch wir selbst in unserem Denken (idealerweise) tun.

  • Wichtig ist, dass über allem ein Rätsel schwebt, wie eine leere zu füllende Geistesblase. Wir suchen nach einem Gesamtbild, das sich (wie alle Ideen) schon vorab spüren lässt, doch es zeigt sich erst nach und nach.
  • Watson eröffnet das Spiel, und zieht bereits aus dem ersten Fakt seinen Schluss. Ein erster Verdacht scheint sich erhärtet zu haben, und wird als Tatsache hingestellt. So ist es und nicht anders, Punkt. Typisch männliche Analyse und Grenzziehung.
  • Eisern steht die Schlussfolgerung da, doch durch Sherlocks Fund gerät sie ins Wanken. Ein neues Indiz ist aufgetaucht (die Spritze), durch welche die erste These nicht mehr haltbar ist. Sie weicht auf und schmilzt (sehr weiblich) wie Butter an der Sonne. Doch die Erweichung ermöglicht, dass sie mit der neuen Tatsache zu einem neuen Bild verschmelzen kann. Wieder wird geprüft und verworfen, aufgeweicht und neu gefasst. Bis eben die ganze Wahrheit gefunden ist, die dem Lichte sorgfältiger Überprüfung standhält.

Da überkommt einen spürbar die Erleichterung, nicht wahr? Doch zum Finden der Lösung war männliche Verfestigung und Verdichtung im Wechsel mit weiblicher Lösung und Vernetzungsaktivität nötig. Der kühle Kopf tanzt mit dem im Fragen Dahinschmelzenden um das Geheimnis. Dominiert der engstirnige Starrsinn, droht das vorschnelle Urteil, und haltlose Anschuldigungen sind die Folge, wenn der Schwarmgeist siegt.

Etwas fassen und verwerfen können, wenn Neues willkommen geheißen werden möchte – diese Urmotive liegen dem “richtigen” Denken genauso zugrunde, wie “guter” Gemeinschaftsbildung.

Und mir scheint, auch die Begründer der Samuraikultur wussten darum; denn deren Schwerter waren deshalb so herausragend, weil sie durch hundertefaches Falten die perfekte Mischung aus männlicher Schärfe und weiblicher Elastizität besaßen. Erhitzen, falten, hämmern, abkühlen; erhitzen, falten, hämmern, abkühlen… Sollte den Lehrlingen das Prinzip in den Leib geschrieben werden?

2. Das intelligente Fließband
Wundersames ereignet sich auch manchmal in Fabriken, wenn wohl eher selten, weil man uns immer noch wie Unmündige in die Schranken weist.

Stellen wir uns eine Produktionskette in einer Autofabrik vor, mit verschiedenen Stationen und Montageinseln. Alle sitzen hier im selben Boot, denn sobald es irgendwo hakt, stockt es für alle. Nehmen wir an, alle wären gern auf Arbeit, und hätten Interesse daran, dass alles schnell und reibungslos läuft.

  • Wenn es hakt, ruft in Normalfall einer irgendwo an, und ein Jemand kümmert sich darum. Der hat auch sonst ein Auge auf diesen Produktionsbereich (und unter seiner Fuchtel) – doch was wäre, wenn jeder mitdenken würde und dürfte? Dann könnte Heinz schon vorab bemerken, dass Ursula bald die Teile ausgehen und selbständig reagieren. Er würde z.B. langsamer machen oder die Info recht früh weitergeben.
  • Durch Wahrnehmung von sich und anderen im Kontext, könnte man sich untereinander im Sinne des Ganzen zielführend abstimmen. Man könnte auch Rücksicht nehmen und vorausschauend handeln, und würde z.B. auf immer gleiche Schwachstellen mit Lösungen reagieren. Wenn man es nur dürfte, denn üblich ist (wie in alten Zeiten) ein Meldesystem mit klaren hierarchischen Verantwortlichkeiten. Doch würden solche und andere Arbeiten als Gemeinschaftswerk begriffen und organisiert, wo Kopf und Bauch kooperieren, könnte jeder nicht nur mitdenken, sondern wir könnten füreinander denken und handeln.

Dazu sind wir durchaus bereit und fähig, zu dem Wunderbaren nämlich, uns in die Lage anderer zu versetzen und diese aus ihren Augen und Befindlichkeiten zu betrachten.

  • So würde Vera dem Egbert ein Werkzeug reichen, das dieser schon seit fünf Minuten sucht – und zwar am besten noch bevor er mit dem Suchen beginnt! 4 Augen sehen mehr als zwei, nicht wahr, und sie vermögen außerdem das Wahrgenommene in den Kontext, ins Bild zu setzen.
  • Egberts suchender Blick bekommt ja erst vor dem Hintergrund Bedeutung, welche Rolle er und die anderen im Ganzen spielen. Da kann man eins und eins zusammenzählen. Sicher machen spezielle Zuständigkeiten hier und da Sinn, doch noch mehr, auf Kooperation und Füreinander als Grundprinzip zu bauen.

Weiblich versetze ich mich in die Lage des anderen, und mache sie mir männlich bewusst. Blitzschnell gehe ich alle Stationen durch und überblicke das (weibliche) Ganze, um (männliche) Schlüsse zu ziehen. Ich beziehe Position und löse mich von ihr mit dem Ziel, aus allen ein Gesamtbild zu bekommen. Genau wie der gute Gastgeber wechsle ich zwischen Wir und Ich, zwischen Teil sein und Führen.

Unbedingte Voraussetzung ist allerdings, sich mit Positionen nicht zu identifizieren. Im Sinne der Sache darf “man sich für nichts zu schade sein”, wie der Volksmund weiß. Und auch allzu Persönliches hat hier nichts verloren, also ob ich andere mehr oder weniger mag. Da hat man, wie in einer Familie, zusammenzuhalten. Wir sind alle Teil des Spiels, wie uns Kasper lehrt, und es will nach seinen Spielregeln gespielt werden.

An dieser Stelle sind noch Hürden zu nehmen, die wir untersuchen werden.

Ins Bild gebracht

Machen wir uns bewusst: was für unser Erleben ganz “normale” Vorgänge sind, ist tatsächlich der Umgang mit Weltenkräften. Auch Mathematik und Physik haben eine Vorstellung davon, was die Interaktion von Frau Minus und Herr Plus ergibt. Man nennt diese Form einen Torus, worüber ich beim Beitrag über Mann und Frau schon berichtet habe, und was in diesem weiter oben verlinkten Video gezeigt wurde. Man findet sie überall in der belebten Welt, z.B. beim Apfel.

Und hier bitte auf das Zentrum achten!

Eine dynamische Darstellung, wie Formbildung und Vernetzung, Strukturbildung und Auflösung, Stab- und Kugelkräfte interagieren. Gemeinsam schaffen sie Universen, unsere Körper und auch den Seelenraum.


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Thomas C. Liebl
 

Bewegungslehrer, Autor, Visionär. Mehr Infos hier.

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Jürgen Elsen - 3. Mai 2020

“..Man kann nicht gleich an Institutionen gehen, man kann nicht gleich neue Einrichtungen pflegen, sondern es handelt sich darum, dass möglichst viele Menschen sich finden, in deren Erkenntnisfähigkeiten diese Dinge drinnensitzen, dann wird man mit diesen Menschen Institutionen bilden können.” (GA 196)

R.S. spricht darüber 1920 – also vor 100 Jahren.
Sind heute irgendwo diese – letztenendes organisational wirkende Institutionen im Sinne des von Steiner gemeinten Kontextes von Menschen gebildet worden ?

Ich kann keine sehen. Das einzige, was mir dazu einfällt ist mal wieder das KRD und schade, daß hier geschaffene – natürlich noch in den Anfang steckende Institutionen, die den Menschen im Sinne des obigen Artikels im Mittelpunkt haben – gerade von denen, die schon 100 Jahre über so etwas debattieren nicht mit weiterentwickelt werden …

Woran liegt das? Was stimmt denn nicht? Was braucht es denn noch?

Reply
    Thomas C. Liebl - 3. Mai 2020

    Danke für Antwort, Jürgen!

    Nein, die Institutionen sind nicht gebildet worden, oder besser der Staat nicht dreigegliedert. Der Grund dafür liegt m.E. im Zitat. Es haben sich eben zu wenig Menschen gefunden, die “diese Dinge” verinnerlicht haben. Wer das tut, muss staatliche Bevormundung in Bildungs- oder Gesundheitsfragen (!) vehement ablehnen. Aber genau das erlebe ich bei sehr wenigen. Da haben Dichter noch Emanzipations vor sich, wie ich schrieb, und Denker Befreiungsarbeit.

    herzlich
    Thomas C.

    Reply
Jürgen Elsen - 13. Mai 2020

Danke, Thomas – natürlich auch wieder für Deine anregenden Texte, Deine Zeit und Aufwand …. !

Wie Du schon sagst: es haben sich zu wenige Menschen gefunden, die … VERINNERLICHT haben…

Bei mir bedeutet Verinnerlichung eben auch das Einschließen von Willensenergie (= Tat).

Der “Moll-Schritt” der Verinnerlichung ist nur die eine Seite, darauf folgt der “Dur-Schritt” der Tat.

Und deshalb reicht es auch nicht “irgendetwas” – ja meist wohl gedanklich und verbal – abzulehnen (wie Du schreibst), sondern es müssen DAZU dann auch Schritte manifestiert werden.

Sonst kommt es eben nicht zu den Einrichtungen (“Dur-Manifestationen”), selbst, wenn Menschen da sind, die schon schön “mollig” sind und das überall hintönen 😉

Wir können uns ja jetzt alle “corona-bewähren”. Ich setze nirgendswo eine Maske auf, sondern ein freundliches Lächeln.

Falls ich des Hauses (Geschäft) verwiesen werden, komme ich dem natürlich nach, aber nicht ohne entsprechende “Belehrung”, nach dem Motto: Sie müssen das nicht tun !!! 😉

herzliche Grüße und weiterhin viel Energie und Wohlwollen

Jürgen

Reply
Ursula - 27. Mai 2020

Ich möchte mitteilen, dass ich sehr zu einer Gemeinschaft im obigen Sinne zählen würde, aber doch lieber den Rückzug in mein kleines Reich antrete, da ich die allerwenigsten Menschen zu ertragen weiß.
Also gelingt es mir nicht, in einem heilenden Sinne zu wirken. Da ist zu viel kaputt.
Wozu kann ich denn noch dienen, wenn nicht zum Aufbau einer weiterführenden Gemeinschaft?

Reply
Martin MS - 3. Juni 2020

Auch wenn ich nicht alles 1 zu 1 teile, das Gefühl geistiger Verwandtschaft ist sehr deutlich, von daher: *meld*.
Herzlichen Gruß,
Martin aus Marburg

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