Waisenhäuser und Menschenhandel im 19. Jahrhundert

Serie „Augenöffner“ (Teil 13)

Während in der Gründerzeit Megacities entstanden, herrschten zeitgleich monströse soziale Zustände: weltweiter Menschenhandel mit sogenannten Waisen! Einblicke in den Abgrund der „goldenen“ Jahre.

Diese Artikelserie baut inhaltlich aufeinander auf, deshalb lies am besten von Anfang an. Bitte beachte: mir geht es nicht um Beweisführung, sondern zu eigenen Nachforschungen und einer Diskussion anzuregen.

Explodierende Städte

Diese Artikelreihe startete mit der Beobachtung, dass die Keller der sogenannten Gründerzeithäuser wohl mal der erste Stock gewesen sein müssen, dass aber nirgends von einer (weltweiten) Katastrophe im 19. Jhdt. berichtet wird. Dies wirft Fragen auf bezüglich der Glaubwürdigkeit unserer Geschichtsschreibung.

Bei genauerem Hinsehen sticht die Geschwindigkeit ins Auge, mit der all diese Städte ab etwa 1860 wie Pilze aus dem Boden schossen. Die Bauleistung z.B. in Berlin steht der in Seattle kaum nach, wo man 1889 fast 6.000 Monsterbauten in nur 18 Monaten hochzog. Darüber hatte ich hier berichtet. Wie dieser Autor schreibt, führte „das explosionsartige Bevölkerungswachstum im Berlin des 19. Jahrhunderts zu einem ungeheuren Bauboom“.

Explosionsartig und ungeheuer also!

Weiter heißt es, dass in kürzester Zeit Mietskasernen für Millionen neue Bürger aus dem Boden gestampft wurden, sowie exklusive Behausungen für „eine breite Mittelschicht“. Diese Mammutaufgabe wurde offenbar so mühelos bewältigt, dass nebenbei auch noch Zeit war für die aufwändige Gestaltung der Fassaden und Treppenhäuser.

Wow! 1860 war Berlin noch ein überschaubares, gemütliches Städtchen,

…doch schon 1880 erhoben sich Prachtbauten so weit das Auge blickte (achte auf die wuchernden Bäume – siehe Bildunterschrift)

Solch schnelles Wachstum ist (nebenbei und als Vorschau bemerkt) in der lebendigen Welt nur bei Krebs anzutreffen. Haben wir es hier mit gesundem Wachstum oder mit geschwürartiger Wucherung zu tun?

Wuchs den Stadtplanern diese „Entwicklung“ so über den Kopf, dass sie weder eine Kanalisation noch modernes Transportwesen rechtzeitig berücksichtigt hatten?

Debile Stadtplaner?

Da man im sandigen Boden Berlins in vielen Bereichen keine Tunnel bohren kann, wurde die halbe Stadt nochmal umgepflügt, wie wir beim Besuch der Berliner Unterwelten erfuhren. Frisch gebaute Häuser mussten wieder abgerissen werden, um über Dutzende von Kilometern 20 Meter tiefe Schächte graben zu können, die dann noch abgestützt und ausgemauert werden mussten. Man verlegte Gleise, füllte alles wieder auf und baute die Häuser neu. Alles kein Problem.

Ach ja: in kürzester Zeit wurden scheinbar ebenfalls Tausende Kilometer Abwassertunnel geschachtet und ausgemauert (heute fast 10.000 Kilometer), und zwar in Dimensionen wie diesen:

Von solcher Schaffenskraft kann sich Seattle mal ne Scheibe abschneiden, nicht wahr? Einfach zum totlachen, diese Geschichten, die nebenbei die U-Bahn in 35 Metern Tiefe zu erwähnen vergessen.

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Video-Link: https://www.youtube.com/watch?v=gjBYJcAtWTE

Doch wenden wir uns den Menschen zu, für – und durch die – all das ja in Rekordzeit (angeblich) gebaut wurde. Wir Menschen müssen körperlich und seelisch gesund sein, um physische und kreative Höchstleistungen zu erbringen, richtig?

Wie war es darum bestellt in jenen goldenen Jahren, als alles (angeblich) explodierte?

Die Schattenseite der Gründerzeit

Ich wusste zwar aus dem Geschichtsunterricht, dass das Leben im 19. Jahrhundert für die Mehrheit kein Zuckerschlecken war, dass es Kinderarbeit gab usw.; doch mein Blick auf all die gründerzeitliche Pracht veränderte sich schlagartig, als ich nachfolgendes Video sah. Wie es aussieht, war das Elend damals nicht nur groß, sondern geradezu apokalyptisch! Gegen das, was in Europa, Russland und den USA geschehen sein muss, verblasst der Sklavenhandel in Afrika nachgerade zu einem Nebenschauplatz. Die Inhaltsangabe dient der Übersicht für alle, die des Englischen nicht so mächtig sind. Es ist in voller Länge sehenswert.

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Video-Link: https://www.youtube.com/watch?v=Q7EBjWYQBlo
Inhaltsangabe: Epidemie von Waisen in N.Y. 1865 (4:10) Züge mit Waisen, 200.000 Kinder in den USA verpflanzt, interessantes Timing mit Reset-Cities, Kindermarkt am Zuggleis, Kinder auch aus Irland, Italien etc., 100.000 Kinder von England nach Australien! (7:50), Hunger in Irland: Tausende wurden zu Waisen und verschwanden spurlos (10:40), Waisen in Russland: in 1880 jährlich zw. 16-18.000 Kinder allein in Moskau!, Eskalation in 1882=41.000, wagenweise eingesammelt von professionellen Einsammlerinnen, Kinder kamen aus dem ganzen Land und wurden umverteilt (12:12), Italien: 1.200 Babyklappen für Neugeborene, 35.000 pro Jahr in 1850! 1800-1860 wurden 374.000 Kinder verlassen / 35-42 % aller Neugeborenen!!! (15:25), Kinder bekamen neue Namen, oft ironische (17:12), Wien: Nur ein Haus nimmt in 125 Jahren 730.000 Waisen auf, Bis 1813 starben 97% der Waisen wegen „Infektionen“! (18:12),

Ich weiß nicht, wie es Dir geht, aber ich war entsetzt. Ein Blick in höllische Abgründe!

Wo kamen all die Waisen in solchen Massen her?

Waren die Eltern tot? Warum dann aber nicht die Kinder? Stimmt die Geschichte von den unehelich schwanger gewordenen Frauen, die zwischen Kind und Job wählen mussten? Das mag es gegeben haben, aber in dieser Größenordnung? Wir reden hier von Abermillionen Waisen! Was macht es mit einer Mutter, ihr Kind fortzugeben? Es zerreisst ihr das Herz, richtig? Und was bewirkt es in der kindlichen Seele, ohne die Wärme und Liebe der Mutter und einer Familie aufzuwachsen? Und zudem geschlagen, gedemütigt und gefangen gehalten zu werden?

Wie es scheint, wurden die Kinder in Massen eingesammelt, und wer nicht im Inland oder nach Übersee verschifft wurde, fand sich in sogenannten Arbeitshäusern wieder – eine Mischung aus Arbeitslager und Besserungsanstalt – das viele wohl nur im Sarg wieder verließen. Wer entkam, war entweder völlig gestört und damit lebensuntauglich, oder ein Psychopath. Hervorragendes Kriegs-„Material“. Wie mir scheint, reden wir hier nicht von einer Randerscheinung, von ein paar wenigen Fällen, sondern von 10-30 % der Menschen, die solch ein Schicksal erlitten.

Und solch eine moralisch zutiefst kranke Gesellschaft bringt derartige Höchstleistungen zustande, europaweit Megacities aus dem Boden zu stampfen? Es tut mir leid, aber das passt alles nicht zusammen.

All die prachtvollen Gründerzeithäuser (mit ihren begrabenen Stockwerken), die gigantischen Abwassersysteme, U-Bahnen und technischen Errungenschaften stehen einer sozialen Misere von unauslotbaren Ausmaßen gegenüber. Überall gediehen offensichtlich Irrenhäuser, oft getarnt als die erwähnten Arbeitshäuser. Für mich klingt das nach Verfall, nicht nach Aufbau.

Die große Gesellschaftslüge

Wusstest Du, dass bis in die 50er Jahre Kinder als Sklaven verkauft wurden, z.B. die sogenannten Verdingkinder in der Schweiz? Hierzu wikipedia,ein Artikel und dieses Video. Zu den Arbeitshäusern u.a. in England hat Martin Liedtke in nachfolgendem Video (min. 35:25-41:00) recherchiert:

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Video-Link: https://www.youtube.com/watch?v=rax29cZ_K4Y&t=1945s
Inhalt: alle Arbeitshäuser mudflooder; manchmal getarnt als Irrenhäuser: wurden man in Massen geisteskrank? Wo sind die Eltern? Warum so viele Waisen? Angeblich hohe Kindersterblichkeit? Menschen arbeiten für Essen. Gott ist Gut = Gehirnwäsche wie „Arbeit macht frei“ (38:25)

Und hier noch etwas über die Arbeitshäuser in England.

Fazit:
Im Angesicht all der gründerzeitlichen Pracht, die wir als Touristen so ahnungslos konsumieren, geht eine Frage völlig unter: in welchem Verhältnis steht all das zu uns Menschen? Wer dient hier wem?

Machen wir es uns miteinander gemütlich, und schaffen eine menschengemäße Umwelt, in der sich Liebe und Freude entfalten und blühen können, oder sind wir nur das Brennholz zum Unterhalt dieser steinernen Wüsten?

Wie war das noch in der für ihre sozialen Errungenschaften vielgerühmten DDR? Wo Frauen endlich von männlicher Unterdrückung und Rollenpflichten befreit wurden? Ja, da durften sie endlich in der Fabrik arbeiten, hurra, und die lästigen Kinder an „Vater“ Staat abgeben! Ab mit den Bälgern (gerne auch Säuglinge) in die euphemistisch „Krippen“ genannten Umerziehungsanstalten! Wie praktisch, dass man die Kleinen einfach am Montag in der Frühe abliefern und am Samstag wieder abholen konnte – mit geschnittenen Nägeln versteht sich! Welch ein Fortschritt!! Hier Infos zu den Dauerheimen. Zitat aus dem Artikel:

Damit auch Frauen, die beispielsweise in der Schichtarbeit tätig waren, ihre Kinder versorgt wussten, wurden zusätzlich zu den Tageskrippen und Kindertagesstätten auch Wochenkrippen eingeführt. Diese Betreuung galt Säuglingen von sechs Wochen bis zu Kleinkindern im Alter von drei Jahren. Mitte der 1960er Jahre wurden laut DDR-Statistik fast 38.000 Kinder so betreut. Am Montag konnten die Kinder um 5 Uhr morgens abgegeben und am Samstag um 13 Uhr abgeholt werden. (…) Einen Zugang zu den Räumlichkeiten der Wochenkrippe hatten Eltern meistens nicht. Sie gaben ihre Kinder an der Eingangstür ab, ohne persönliche Kleidung, Kuscheltiere oder andere Gegenstände.“

Kein Kontakt zu den Kinder also; aber wer braucht das auch schon, wenn Frau dafür in der Fabrik arbeiten kann! Es wird wirklich Zeit, liebe Leserin und Leser, dass wir uns nicht länger vom schönen Schein und dem sogenannten Fortschritt blenden lassen. Seit mindestens 300 Jahren wird die Welt täglich ein Stück menschenfeindlicher, und all unser Konsum und die wunderbare Bequemlichkeit sind mit Strömen von Blut und einem Meer aus Schmerz und Leid erkauft. Eine Denkungsart durchzieht diese Welt, für die „Menschenwürde“ ein Fremdwort ist. Deshalb werden selbst heute noch Menschen als Versuchskaninchen missbraucht, wie z.B. 2001 in Rumänien.

Und was ist eigentlich aus den mindestens 10.000 verschwundenen minderjährigen Flüchtlingen geworden? Versagen der Sicherheitsorgane oder gewolltes Chaos? Und in welchem Verhältnis stehen unsere zivilisatorischen Errungenschaften zum grassierenden Satanismus, der sich am Blut kleiner Kinder labt? Im übernächsten Artikel werden wir uns all diese prachtvollen Paläste, zu denen die Touristen heute pilgern, mal genauer ansehen.

Versetzen wir uns zum Abschluss nochmal in diese explodierenden Jahre. Was sehen wir in diesen Bildern vom Görlitzer Bahnhof in Berlin anno 1866?

SERIE

Etwa ein notwendig gewordenes Bauwerk innerhalb einer organisch gewachsenen Stadt? Nein, sondern ein Bauwerk jenseits allen Lebens und menschlichen Treibens „auf der grünen Wiese“, wie wir heute sagen würden.

Nur ist statt Wiese überall Matsch!

Nirgendwo ein Mensch, Strauch oder Tier, und bei genauerer Betrachtung sind hinter dem Schlammwall noch Fenster eines Stockwerks sichtbar, die 1920 feinsäuberlich umzäunt und (als Kellerfenster erscheinend) eingehegt worden sind. Ein perfekter mudflood-Zeuge!

Weiter zu Teil 14

Thomas C. Liebl
 

Bewegungslehrer, Autor, Visionär. Mehr Infos hier.

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