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Vom Sex zum Liebesspiel

Das Bett als Lebensschule

Warum kriselt es in vielen Betten? Wie festgelegt ist unser Verhalten und Empfinden, und was hat das mit den aktuellen Weltkrisen zu tun? Zeit für eine neue Wissensperle.

Wie oben, so unten, wie im Großen, so im Kleinen. Ein bekannter Spruch, doch stimmt er? Was könnte das intime Treiben der Geschlechter mit Weltangelegenheiten zu tun haben? Es gab ja schon einige Wissenperlen zu Beziehungsthemen, siehe hier. Darin beschrieb ich das Akzeptieren grundsätzlicher Unterschiede als Ansatz zur Lösung, die im Kennenlernen der anderen Seite besteht. Doch erst durch die Augenöffner-Serie erinnerte ich mich an männlich-weiblich als kosmisches Prinzip. Darum ging es hier und hier. Warum sollte das große Spiel so verschieden, ja getrennt von unseren scheinbar kleinen Leben sein? Aber Sex? Das ist doch nur…

Und da kam mir die Idee zu einer erotischen Geschichte.

Für die meisten dürfte Sexualität kaum mehr als eine nette Sache sein, anfangs vielleicht aufregend, später (in Beziehungen) oft lästige Pflicht. Vor allem aber ein Stein des Anstoßes, denn wenn sie grad warm ist, ist er schon lange „fertig“. So isst er Eiweiß oder Pillen, um öfter zu können, sie schraubt die Ansprüche runter. Die biologisch-seelische Unvereinbarkeit ist eigentlich so offensichtlich, dass man sich schon fragen muss, was sich die Götter dabei gedacht haben. Es sei denn, man begreift sie als Aufforderung, sich aufeinander zuzubewegen.

Tut man das in richtiger Weise, verändert sich alles, bis hinein in die Biologie. Dazu eine etwas andere, eine wahre Bettgeschichte.

Einfach unverschämt

Mandelmilch, das ist es! Oder war da eine Spur Zimt mit bei? Jasmin vielleicht? Wie damals in Thailand, der Geruch nach warmem Regenwald in dampfender Nacht. Na, wie auch immer, das roch und schmeckte jedenfalls unglaublich. Und fühlte sich so weich an, glatt wie Samt! Da könnte man sich reinlegen, dachte Jakob, das, ja das war eine Lust, wie er sie noch nie verspürt hatte, hier, zwischen Alinas Beinen.

Er blickte nach oben und traf ihren Blick. So hatte sie ihn noch nie angesehen, so, ja wie? Nein, geil passte nicht, das war anders, neu. Lüstern vielleicht? Schamlos? Ja, schamlos, das war es! Ohne Scheu, ohne Schranke zwischen ihnen, ohne Fragen oder Bedenken, einfach – einverstanden. Er durfte, ja, er sollte, war willkommen!

Das war noch seine Liebste, seine Alina, aber irgendwie auch nicht. Da war etwas Größeres, eine Kraft dahinter, das spürte er ohne Worte dafür zu finden. Und sie wollte mehr, das sagte – nein – das gurgelte und stöhnte sie. Laute tiefen Begehrens. So war sie noch nie gewesen, so aufgepeitscht, die Wangen rot, so voller Leben. Ja!, flüsterte es und sie wie Wind in den Bäumen, komm, komm zu mir! Und wieder wölbte sie ihm ihr Becken entgegen, als wolle sie „Trink mich, labe dich, alles für dich“ sagen. Sagenhaft.

Aber er ließ sich Zeit, wie er es gelesen hatte.

Das war keine Jagd mehr, wie sonst. Er hatte Zeit und genoss es. Er suchte ihre Augen, ihren Blick. Nebelverhangen irgendwie, tief und fern und nah zugleich. Als blickte sie ihn über die Zeit hinweg an, aus anderen Leben. Wie schön sie war! Seine Alina, und auch wieder nicht. O, wie er diese Frau begehrte.

Aber er ließ sich Zeit, verließ das fruchtbare Tal und erkundete die Schenkel, nahm ihre köstlichen Pobacken fest in den Griff. Tastete sich sanft zum Bauchnabel vor, erkundete, bewunderte den Venushügel. Ja, würdig einer Göttin! Da wimmerte sie wieder dieses herrliche „bitte…“, aber nein, noch nicht! Er streichelte weiter, neckte sie, mal fest, mal sanft. Unglaublich diese schwellende Fülle, so empfindsam und so nass!

Kostbare Nässe benetzte ihre Schenkel, ihre zweiten Lippen. Wie Ströme von, wie nannte man das? Nektar? Ja, das Buch hatte recht. Als ob sie auf einmal Nektar verströmte, heilende Wasser! Einfach köstlich, wie an Eis zu schlecken, nur besser. Komm, flüsterte Alina, ganz erhitzt, mit rauer Stimme. Und er kam, zu ihr, in sie.

Ohne Widerstand glitt er hinein, so selbstverständlich, fast wie eingesogen. Sagenhaft. Er konnte einfach nicht genug bekommen. Das ging ihm durch und durch, das neue Gefühl. Es war nicht nur konzentriert an der bekannten Stelle, sondern überall. Das hatte er noch nie erlebt. Lief ihm da das Wasser im Mund zusammen? Das war ja was! Nein, mit Sex hatte das nichts mehr zu tun, das war schöner, tiefer und irgendwie – voll Freude!

Und auch seine Lanze hatte sich verändert, sein getreuer Lanzelot. Ja, wie der Ritter, das schien passend. Seiner war ja auch ein Ritter, ein treuer Kämpfer, aber heute musste er nicht kämpfen. Sonst war er immer so hart, wie aus Stahl, aber auf einmal nicht mehr. Er spürte was, und wie! Einfach mal Zeit lassen, dachte Jakob, das Buch hatte recht!

Sein Jadestab, wie die Chinesen ihn nannten, war empfindlich geworden, einfach so! Jakob hatte schon Angst bekommen, als er zwischendurch weich wurde, als er – wie geraten – Pause machte. Doch in Sekunden stand er wieder! Wurde hart, doch ohne hart zu sein, eher stark! Nicht Alinas Gegner, sondern ihr Spielgefährte, biegsam stark, der sich anschmiegen, mitspielen konnte. So lange sie wollten und das Spiel eben dauerte. Ihr Liebesspiel.

Die alten Chinesen

Nun, soweit mein dürftiger Versuch, eine andere Art des zärtlichen Miteinanders in Worte zu kleiden. Nicht um Erotik ging es mir, sondern die erstaunlichen Auswirkungen guter Ratschläge zu beschreiben. Ich fand sie im Buch „Das Tao der Liebe“ von Jolang Chang, das ich auch in meinem Shop verlinkt habe.

Darin beschreibt er, wie Mann zum guten, ausdauernden Liebhaber wird – also einer, der wirklich lieb hat und nicht nur nach seinem Vergnügen jagt oder was Mann anfangs dafür hält. „Nutze alle Sinne“, so der Rat, „rieche, fühle, schmecke, höre und taste, und erfreue Dich an der Schönheit des weiblichen Wesens. Und vor allem: gehe mit dem Vorsatz ins Liebesspiel, ihr Gutes tun zu wollen.“

Wichtiger Hinweis: bitte projiziere das Nachfolgende nicht nur auf das Sexuelle. Die veränderte Herangehensweise wirkt sich nämlich auch auf den Alltag aus!

Biegsamer Stahl

Jeder Mann kennt den Punkt, wo ihn die Leidenschaft zum Karnickel werden lässt. Dann wird gerammelt, bis man eben fertig ist. Diesen Punkt kann man empfinden lernen, und spürt man ihn nahen, ist Ruhe angesagt, Atmen und Wenden der Aufmerksamkeit: weg von sich und der Aussicht auf die Ziellinie, und zurück zur Frau und ins Spiel. Also innezuhalten, noch bevor der Samen zu steigen beginnt, das ist wichtig. Wenn Mann das übt, verwandelt sich die Härte seines Gliedes. Die blutgedrängte Prallheit, mit der Empfindsamkeit eines Holzprügels, weicht nach und nach einer äußerst sensiblen Stehstärke.

Lanzelot steht seinen Mann, bleibt aber elastisch wie eine Schlange.

Vor allem aber stellt sich Empfindsamkeit ein, wodurch der zweite Rat des Tao leicht zu befolgen ist: stoße nicht einfach in die Frau wie der Spaten in Erde, sondern taste Dich behutsam zentimeterweise vor. Der lange Weg nach innen ist überall mit sensiblen Punkten besetzt, die zart und freundlich angestubst und aufgeweckt werden wollen. Wie freundliches Anklopfen, ein nettes Begrüßen soll der Kontakt sein; dann wird der weibliche Körper antworten. Lässt Mann ihr Zeit, ins Spiel zu finden (statt nur ein Vorspiel genanntes kurzes Befummeln zu absolvieren), dann erst öffnen sich die Quellen in der Frau wie Blütenknospen an der Sonne.

Tiefe Wasser

Es dauert, bis das Feuer sich entzündet, bis Glut aus Wärme wird, und später helle Flammen. Geht der Liebhaber auf diese Weise vor, bleibt ihr also zugewandt im Wunsch, ihr gut zu tun, dann haben Frauen überhaupt keine Probleme, feucht zu werden. Ganz im Gegenteil.

Mit etwas Phantasie und Liebesflüstern, also wenn er ihre Seele erreicht, beginnen die Wasser zu steigen und zu strömen. Aber noch etwas wussten die alten Chinesen: lässt er Raum für Wechsel zwischen Hitze und Kühle, zwischen Sturm und Ruhe, dann verwandeln sich die Wasser! Man hat das offensichtlich wissenschaftlich untersucht und festgestellt, dass sich Beschaffenheit und Qualität der weiblichen Sekrete verändern. Wenn der Beischlaf von Zärtlichkeit getragen ist, wird aus „Flüssigkeit“ ein nährender Nektar mit Heilkräften. Kaum zu glauben, ist aber so! Das kann man schmecken, fühlen, riechen.

Bei aller Liebe bleibt doch oft eine leise Befremdung zwischen Mann und Frau. Es ist einfach unglaublich intim jemanden in den eigenen Körper zu lassen, worüber sich wahrscheinlich nur wenige Männer jemals Gedanken machen. Und irgendwie bleibt bei Frauen das Gefühl, das notgedrungen zu tolerieren. Denn i.d.R. lässt Mann ihnen ja nicht die Zeit zu erwachen und zu antworten. Also ist es oft ein eher unangenehmes Erlebnis, das Frau nicht selten mit Wundsein büsst.

Befolgt Mann aber die genannten Regeln, und strömt sie über, dann verschwindet die Befremdung auf einmal. Dann erst fühlt es sich an, als gehörten Jadestab und Honigtöpfchen unbedingt zusammen.

Fundamentale Unterschiede

Ein wunderbares Erlebnis, wenn aus dem Geschlechtsakt oder bloßem „Verkehr“ ein Spiel wird, das nichts außer Freude und wechselseitiger Erfreuung zum Ziel hat. Doch aufgemerkt: nicht um Tricks geht es hier, und nicht darum, es ihr möglichst lange zu „besorgen“, damit sie dann Beifall klatscht. Das macht alles zunichte.

Worum es geht, ist gegenseitiges Verständnis – eine Bemühung umeinander, die natürlich nicht aufs Bett beschränkt bleiben darf und wird.

Der Mann muss sich klarmachen: so speerartig, wie mein Ritter geformt ist, so speerartig drängt es mich hin zu einem Ziel. Sie dagegen findet ihre Lust im Grenzenlosen, wo man Zeit und Raum vergisst, und eins wird mit dem endlosen Ozean. Ein Höhepunkt ist nur die Welle vor der nächsten, darauf kommt es gar nicht an! Wie will man messen, wenn es keine Grenzen gibt?

Wie wir hier sahen lebt das weibliche Wesen nicht im analytischen Entweder-Oder, sondern im Sowohl-als-auch, in der bunten Welt der Möglichkeiten. Eine Spielart also, eine Art des Spielens ist der Quickie. Das geht auch mal, doch bei ihm ist es oft Standardrepertoire. Das wird ihr schnell zu dumm, weshalb Männer oft zu hören kriegen, so zwischen Tür und Angel sei ihr das nichts. Sie brauche Zeit, am besten mit Rosenblättern, Duft und Kerzenschein.

Es muss einfach Raum für Begegnung sein; darum geht es ihr, nicht um den Akt an sich.

Frauen können natürlich auch den Männern helfen, indem sie sich in deren Wesensart einfühlen. Wie ist es denn, wenn man „fertig“ werden will, und Anfang und Ende, Raum und Zeit so bewusst empfindet? Wie ist es, die Welt so klar nach entweder-oder, richtig oder falsch wahrzunehmen, sprich in Maßstäben zu denken? Dann drängt sich halt die „War ich gut?“-Frage auf.

Die Vorgeschichte

Doch darin liegt viel mehr als es scheint. Zum einen beweist die Frage, dass man nicht bei der Frau war, sie innerlich nicht begleitet hat, weil man zu sehr mit dem Gewinnen des Galopprennens beschäftigt war. Aber selbst wenn man Anzeichen für ihren Höhepunkt wahrnahm (Chaka, 100 Punkte!), sofern sie nicht nur spielte (eigentich leicht durchschaubar) bleibt dennoch ganz leise ein schlechtes Gewissen.

Dieser tiefe, schamfreie und einverstandene Blick von Alina (s.o.) ist viel mehr als es scheint. Mit Absicht schrieb ich „…als blickte sie ihn über die Zeit hinweg an, aus anderen Leben.“ Wie ich im nächsten Beitrag beschreiben werde hat das Heute eine lange Vorgeschichte.

Die Einseitigkeit der Geschlechter geht auf eine Zeit zurück, als wir sehr einseitige Wege gingen.

Wir entwickelten uns erst zur heutigen Gegensätzlichkeit, weil die einen den Weg des Mannes oder Geisteskriegers gingen, und die anderen zu Kennern und Hütern des Lebens wurden. Aus den Zeiten radikaler Einseitigkeit trägt der heutige Mann noch Spuren in sich. Das ist der wilde Barbar und ungehobelte Bursche. Diese Phase musste durchlaufen werden, wie wir sehen werden, doch von Anfang an stand der Ritter als Zukunftsbild da. Dazu wird der Krieger, wenn er auch Poet sein und sich dem Leben zuneigen kann, sprich der Frauenseite. Doch ob man dies schon geschafft hat, die Fähigkeit zu solcher Beurteilung wurde in die weiblichen Seelen gelegt.

Gnade finden

Deshalb suchen wir Männer in den Augen der Frauen nach Anerkennung, nicht unserer Potenz, sondern unserer Ritterlichkeit. Ein Mann, der sich zu beherrschen, und ihre Lust über die eigene zu stellen vermag, der ist ein Ritter und findet in ihren Augen Gnade. So einfach ist das. Blickt man hinter die Kulissen, dann geht es im Bett um eine Seelenprüfung. „Bist du fähig, den Tempel zu erkennen, und wirst du ihn heilig halten?“

Was verdiente dies mehr als der weibliche Schoß, der heute zur Partybude degradiert wird?

Wie oft musste ich weibliche Enttäuschung über irgendeinen Scheißkerl erleben (mich eingeschlossen!), und ich glaube den wahren Grund zu kennen. Es geht nur selten darum, dass er nicht wieder anruft oder sie gar heiraten will, sondern dass er nur auf seinen Spaß bedacht war. Durch diese Haltung, weil er nur eine Muschi sah, entweiht er den Tempel! Wie man sich ihm anders nähern kann, versuchte ich in der Geschichte zu beschreiben.

Etwas ehren und in Ehren halten zu können, das erst macht den ungehobelten Burschen zum Mann, zum Ritter.

Wärme schenken

Andersrum gilt das auch: sie ist in seinen Augen eine Prinzessin, wenn sie ihre Lebensfülle, ihren inneren Reichtum zu schenken vermag.

Forderungen wie „Mein Körper gehört mir“ haben ihre Berechtigung, insofern die Achtung des Tempels eingefordert wird. Doch wenn der Ritter dies tut, dann hat er Anrecht auf ein Geschenk. Nicht nur körperlich können Frauen aufnehmen und umhüllen, sondern auch seelisch. Sie können Wärme und Lebenskraft schenken, mit der sie ja deutlich besser ausgestattet sind als das männliche Geschlecht.

Was wäre also die richtige Antwort, wenn er zum Karnickel wird?

„Ruhig mein Brauner, schhhh…! Entspann Dich, leg dich hin. Ich will dich verwöhnen.“ Also auch ihm Wärme, ja, Trost zu geben. Ihn zu lehren, dass er als Mensch willkommen ist, nicht nur als Lover und kostenloser Handwerker. Menschliche Begegnung, das sollten die intimen Stunden fördern. Zwei Seelen wollen sich berühren, um – sich einander zuneigend – die Kluft zu überwinden, die in der Art des Denkens und Fühlens nunmal besteht.

Zum Mann wird, wer sich selbst und die Frau versteht, also die eigene Rolle zu erfüllen und ihre Welt anzuerkennen vermag. Dito umgekehrt. Dann erst ist das Tao erfüllt.

Mit ein wenig Wissen und Wollen können wir uns ändern, was Auswirkungen bis auf die körperliche Ebene hat. Ist das nicht faszinierend, und macht es nicht Hoffnung für all die anderen Konflikte im Leben? Einfach mal in den Mokassin des anderen gehen, wie ein Indianersprichwort sagt, sich an die Stelle des anderen stellen, statt immer die eigenen abgelatschten Stiefel für die besten und einzig wahren zu halten. Das scheint mir ein guter Weg.

Thomas C. Liebl
 

Bewegungslehrer, Autor, Visionär. Mehr Infos hier.

- 2 Kommentare
Aleit - 23. Oktober 2019

Danke, Thomas.

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Elisabeth - 24. Oktober 2019

Eine wunderbare Wissensperle, vielen Dank, lieber Thomas. Es tut so gut, Deine einfühlsamen Worte zu diesem Thema zu lesen.

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