Über Geld und das Recht zu leben

Kaum etwas belastet uns mehr, als die ewige Sorge um Geld: kann ich nächsten Monat noch meine Miete zahlen, den Kindern etwas zum Anziehen kaufen oder schlicht essen? 90 % aller Menschen rennen ständig hinter Geld her, weshalb sie keine Zeit haben für sich selbst, für Familie oder Freundschaft. Gleichzeitig schwimmen relativ wenige in Geld. Diese beneiden wir, begleitet von der schwer greifbaren Empfindung, dass das irgendwie nicht gerecht ist.

Im letzten Artikel habe ich die Behauptung aufgestellt, „…dass die zu leistende Arbeit in einer Gemeinschaft nichts mit dem Recht auf Konsum zu tun hat“. Das steht natürlich im Widerspruch zur heute gängigen Praxis, wo Menschen ohne Einkommen eben am Hungertuch nagen müssen oder gar verhungern. (In Form von Hartz 4 werden zwar noch ein paar Almosen verteilt, das gibt es aber auch nur bei uns.) Ich nehme mir die Freiheit, diese Rechtsauffassung zu hinterfragen, denn die Erfahrung mit sogenannten Unrechtsregimen zeigt, dass nicht immer recht ist, was als Recht definiert wird.

Was rechtens und richtig ist, kann alleine unser Rechtsempfinden entscheiden.

Als der Traktor kam

Lass uns dazu 200 Jahre zurückgehen, zur Erntezeit in einem kleinen, idyllischen Dorf.

100 Männer und Frauen sind angerückt, um die Ernte einzubringen. Fröhliche Lieder werden gesungen, und mittags lagert man gemeinsam im Schatten und teilt das mitgebrachte Essen. Nach der Ernte bekommt jeder seinen Teil. Alle wissen, dass die Früchte des Feldes ein Geschenk Gottes sind, und deshalb allen gemeinsam gehören, wie auch die Luft und das Wasser. Fühlt sich das richtig und gerecht an?

Schnitt. In der Zwischenzeit wurde der Traktor erfunden, und plötzlich ist nur noch einer erforderlich, um die Ernte einzubringen. Wäre es da nicht richtig und gerecht, wenn die anderen 99 weiterhin ihren Anteil bekommen, aber im Schatten sitzen könnten oder sich im Dorf um anderes kümmern? Denn die Maschine wurde ja von Generationen von Menschen ermöglicht, also sollte die von ihr gebrachte Erleichterung auch allen zugute kommen, oder?

Stattdessen kam es aber so, dass die 99 keinen Anspruch mehr auf ihren Teil haben, denn alles gehört jetzt dem Besitzer des Traktors, sowie den Banken, die (eigentlich im Auftrag der Gemeinschaft) das Geld für dessen Kauf bereitstellten. Ist das gerecht?

Vor der Industrialisierung waren alle Hände nötig, um das täglich Brot zu erzeugen, jetzt nicht mehr. Wusstest Du, dass heute dafür nur noch maximal 20 % einer Gemeinschaft nötig sind, eben dank Maschinen? Und ich rede von unserem extrem hohen Lebensstandard! Irgendwie hat sich aber diese, aus früherer Notwendigkeit geborene Regel erhalten, dass nur essen soll, wer auch arbeitet.

Deshalb werden die Leute heute gezwungen, irgendetwas zu produzieren oder zu „leisten“, und sei es noch so unsinnig und überflüssig.

Wir sollten uns dringend auch geistig dem technischen Fortschritt anpassen, und uns freuen, dass die sogenannten Arbeitslosen endlich Zeit für anderes haben – z.B. für Bildung, Altenpflege oder die Entwicklung ökologischer Kraftstoffe -, während sie gleichzeitig ihren Rechtsanspruch auf Nahrung, Kleidung und Obdach geltend machen können. Dafür können wir entweder Marken für Kleidung, Essen etc. austeilen, wie in Notzeiten, oder einfach Geld! Denn Geld ermöglicht ja genau das: sich über den Umweg des Supermarktes seinen Anteil an der Ernte zu holen!

Wahrscheinlich taucht jetzt der Einwand auf, wie das denn finanziert werden solle. Ganz einfach: indem wir das dazu nötige Geld drucken oder elektronisch schöpfen.

Waaaas? Dann gibt es doch Inflation! Nein, gibt es nicht, oder hast Du eine dramatische Preiserhöhung bemerkt, nachdem in 2008 zur Bankenrettung fast eine Billion Euro aus dem Nichts geschöpft wurden?

Das ist einfach ein modernes Märchen, erfunden, um die heutige Unrechtssituation zu verschleiern.

Es gäbe natürlich noch etliche Detailfragen zu klären, wie etwa, ob Geld auch altern muss. Die können wir gerne ein ander Mal klären. Mir geht es hier ganz prinzipielle um die Erkenntnis, dass es bei Geld um Recht geht. Die furchtbar ungleichen Verhältnisse brauchen eine Antwort und Lösung.

  • Ein erster Schritt dazu ist die Einigung darüber, dass Luft, Wasser und die Früchte von Wald und Feld Gemeingut sind. Das würde folgerichtig zu einer Reform des Bodenrechts führen.
  • Im zweiten Schritt könnten wir mit unserem Grundgesetz ernst machen, das ja ein Recht auf Leben und persönliche Entfaltung garantiert. Dieses Recht ist bedingungslos, denn sonst würde dort stehen: „genießt das Recht nur, wenn…“

Also erst verteilen wir die überreichen Schätze dieser Welt, und überlegen dann, wer welche Arbeit leistet.

Das hab ich mir verdient. Ach ja?

Um nicht missverstanden zu werden: ich plädiere für weit mehr, als ein Grund-Einkommen! Denn es geht nicht um eine ärmliche Basis, sondern um meinen und Deinen Anspruch auf einen gerechten Teil am Ganzen. Ich sage auch nicht, dass wir Reichen etwas wegnehmen sollen: wir müssen nur die Macht begrenzen, sich mehr zu nehmen, als ihnen zusteht!

Rechnet man die zig Häuser, Autos etc., die Reiche so erwerben, in Rohstoffe um, in Holz, Beton usw., im Wissen um die Begrenztheit derselben, dann stellt sich doch die Frage: mit welchem Recht beanspruchen sie einen viel größeren Teil an der Ernte als der Rest?

Weil sie es sich verdient haben, meinst Du?

Ja, noch so ein Märchen, oder besser ein Spruch, der früher mal gestimmt hat: denn in alten Zeiten verliehen Kaiser, Könige und Fürsten jemandem nur dann das Recht auf ein Lehen, einen Markt zu gründen etc., wenn derjenige über ein Rechtsbewusstsein verfügte. Also wenn anzunehmen war, dass Würdig, dass jemand uneigennützig, weise und fürsorglich mit den anvertrauten Menschen und Gütern umgehen würde. Auch wenn wir heute noch von Staatenlenkern oder Industriekapitänen sprechen, und den Richter „Ehrwürden“ nennen, so ist doch das Fehlen moralischer Eignung allzu offensichtlich.

Daraus ergeben sich mir zwei Fragen:

  1. wie lässt sich ermitteln, wie hoch der Anspruch jedes Einzelnen ist,
  2. und wie gewährleisten wir, dass jemand dieses Kontingent nicht überschreiten kann – egal wie prall der Geldbeutel ist?

Eine neue Zeit

Ein Anfang scheint mir, dass jeder Einblick bekommen kann, was in seiner Region oder gar weltweit produziert wird, was also überhaupt verfügbar ist. Das gäbe eine solide Grundlage für die Anpassung des eigenen Konsumverhaltens.

Fördern wir dann noch die Möglichkeit, sich als Teil der Weltgemeinschaft zu empfinden (durch Austauschprogramme etc.), statt unsere Kinder zu rücksichtlosen Schnäppchenjägern zu erziehen, sehe ich eine neue Ära heraufziehen. Ich sehe eine Zeit, in der Menschen wieder miteinander reden und zwar im globalen Maßstab, was jeder braucht und wie wir das erzeugen.

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Thomas C. Liebl
 

Bewegungslehrer, Autor, Visionär. Mehr Infos hier.

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