Ich würd Dich gern vernaschen! Mutig sein, statt rumeiern.

Gerade wir Männer tun uns schwer, ehrlich zu sagen, wenn wir eine Frau begehren. Ich finde: ein wenig Kühnheit hilft beiden.

Die bösen Männer

Irgendwann hatte ich es satt: seit Monaten Single, und überall attraktive Frauen um mich herum. Es war ja nicht so, dass ich beim weiblichen Geschlecht nicht ankam, im Gegenteil. Ich verstand ihre Sprache und sah wohl recht annehmbar aus. An Gelegenheit mangelte es nicht, aber ich hatte diesen Virus eingefangen. Den medial verbreiteten „Männer wollen ja nur das eine“-Virus, und wie primitiv das doch sei.

Schwanzgesteuert war das Modewort, und das wollte ich natürlich überhaupt nicht sein.

Dummerweise war aber meine Realität, dass sich meine Fantasien an schwingenden Hüften und schwellenden Brüsten durchaus entzündeten. Ich hätte ja auch blind sein müssen, um zu übersehen, was da nicht selten recht offenherzig zur Schau gestellt wurde. Es kostete richtig Mühe, nicht immer auf Brüste oder pralle Pobacken zu starren, aber das war ja böse! Also tat ich cool, als stünde ich darüber.

Dann kam die Sache mit dem Aktzeichenkurs, den ich an der Uni belegte. Als plötzlich Models fehlten, und guter Lohn winkte, wechselte ich die Seiten, vom Zeichenblock zur Mitte des Raumes. Eines Tages kam der Dozent auf die Idee, der Kurs könnte das Modell ja bemalen – also mich – und dann auf Papier Abdrücke erzeugen. Gesagt, getan: plötzlich wischten lauter junge Frauen mit Farbe auf mir herum. Huiuiui, jetzt bloß ruhig bleiben!

Jetzt allen Mut zusammennehmen

Das wäre mir ja richtig peinlich gewesen, wenn der Fahnenmast sich aufgerichtet hätte. Hmmh, warum eigentlich? Nun gut, jedenfalls hatten wir die falsche Farbe verwendet, und ohne Hilfe bekam ich sie nicht ab. Da erklärte sich C. bereit, mich in der Dusche abzuschrubben. Und ja, sie sah sehr hübsch aus. Also nochmal tief durchatmen, denn schwanzgesteuert bin ich nicht. Nein.

Ich bin doch Gentleman, und der macht keine bösen Sachen.

Immerhin brachte ich unter Krächzen eine Einladung zum Tee zustande, und ein paar Tage später saßen C. und ich in meiner Studentenbude auf dem Bett. Nach einer Viertelstunde bekam ich vor lauter Verlangen kaum noch Luft. Und so raffte ich all meinen Mut zusammen, und ergriff ihre Hand. Das war anstrengender als ein 10 Kilometerlauf. Und was glaubt ihr was dann passierte?

Nach etwa einer Minute des Fingerspielens, während mein Herz flatterte, sagte C. plötzlich: „Mensch, und ich hab schon gedacht, Du wärst schwul.“ Erst fiel meine Kinnlade runter, dann unsere Klamotten.

Frauen wollen auch, und noch mehr

Das war echt erleichternd: ich war kein Schwein von Mann, und mein Verlangen nicht schlecht, sondern sogar willkommen! Das hat alles verändert. Statt herumzudrucksen, und um die Frau meiner Träume immer herumzuschleichen, versuchte ich es jetzt mit Offenheit. Und es kam der Tag und die rechte Stimmung, da sagte ich doch tatsächlich: Ich würde Dich gern vernaschen!

Und ich erntete keine Zurückweisung oder Moralpredigt.

Ich erzähle all das nicht, um für zügellose Sexualität zu werben, sondern für Ehrlichkeit gegenüber sich selbst und anderen. Je älter ich werde, desto fragwürdiger erscheint mir die überall propagierte freie Liebe. Nicht selten führt sie ja zu Verletzungen, weil Erwartungen enttäuscht werden. Aber das Verlangen nach dem anderen Geschlecht ist nunmal da, und im Zeitalter der Freiheit ist es dran, dass wir damit umgehen lernen.

Der Mut, zu meinem Begehren zu stehen, hat mir nicht nur all diese zähen Momente des Leugnens erspart, des „um den heißen Brei Redens“; er bereitete vor allem den Weg für offene, ehrliche Gespräche über Bedürfnisse! Ich will dich; aber was willst und brauchst du?

So lernte ich, dass Frauen dieses Eine durchaus auch wollen, aber eben nicht nur. Für sie ist die körperliche Verschmelzung in der Regel nur Bestandteil einer seelischen Begegnung, zu der Zärtlichkeit gehört, Gespräch, Lachen, gutes Essen und Romantik.

Eine Frau möchte gesehen werden, also nicht nur begehrt, sondern vor allem geehrt!

Die Triebe veredeln

Wo diese Ehrung auf männlicher Seite fehlt, fühlt sich eine Frau zurecht benutzt, reduziert auf ihren Körper als Befriedigungsinstrument. Für einen Mann bedeutet das, erstmal den Ritter in sich zu aktivieren.

Ein junger, noch ungehobelter Bursche fühlt nur dieses diffuse, mächtige Verlangen, und fühlt sich vom Schoß der Frau wie magisch angezogen. Doch anfangs hat er nichts zu geben, nur zu nehmen, weshalb er sich in bestimmten Künsten üben muss, wie etwa des Zuhörens, der Geduld, der zarten Berührung und auch in der Liebeskunst. Hierzu kann ich nur wärmstens das Tao der Liebe empfehlen.

Durch offene Gespräche begriff ich auch, dass die Sehnsucht in mir gar nicht auf flüchtige, sexuelle Befriedigung abzielt. Das steht ja in gar keinem Verhältnis!

Was uns anzieht, sind diese besonderen Gaben der Frau, ihre Hingabe, Lebendigkeit und Gefühlsreichtum.

Das wollen wir im Grunde haben, werden es aber durch noch so viel Sex nie bekommen – sondern nur durch die Entfaltung dieser Gaben in uns selbst. Das wussten alle Kriegerkulturen, und deshalb stählten Männer nicht nur ihren Waffenarm, sondern übten sich auch in Minne, in Kunst und Kultur. Früher sorgten gesellschaftliche Regeln dafür, dass die Triebe in die richtigen Bahnen gelenkt wurden, dass sie kultiviert (siehe hier) und veredelt wurden. Das müssen wir heute selbst tun, und jede Liebesbeziehung – sei sie nun dauerhaft oder nicht – bietet dazu eine Gelegenheit.

All diese Gedanken führten mich letztlich zum Wohlfühlpakt, über den ich im nächsten Beitrag berichten werde.

Thomas C. Liebl
 

Bewegungslehrer, Autor, Visionär. Mehr Infos hier.

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