Ich versteh Dich einfach nicht! Spielregeln im Zeitalter der Freiheit

Kennst Du das Gefühl, total von jemandem enttäuscht zu sein? Du hättest nie gedacht, dass…? Doch hast Du je hinterfragt, was der andere denkt und fühlt? Oder hast Du einfach angenommen, dass…?

Verständigungs-Schwierigkeiten

In China, so las ich mal, schüttelt man den Kopf, um etwas zu bejahen. Das kann schon Verwirrung stiften, nicht wahr? Ähnlich ging es amerikanischen Soldaten, die während des 2. Weltkriegs in England stationiert waren: sobald es ans Küssen ging, gab es Probleme. Der Grund war, dass für Engländerinnen von damals ein Kuss ein Versprechen auf etwas Ernstes war, für die jungen Amerikaner aber nicht. „Just a kiss“ eben.

Lukas Möller berichtet darüber in „Die Wahrheit beginnt zu Zweit“. Interessant fand ich seine überraschende Analyse, dass es nämlich nie jemandem eingefallen ist, die klärende Frage zu stellen: was bedeutet Dir ein Kuss?

In den allermeisten Fällen nehmen wir einfach an, dass unser Gegenüber die Dinge sieht, wie wir selbst.

Gut, als Europäer in Asien oder Afrika mag man da vorsichtiger sein, weil einfach so vieles fremd ist; aber im eigenen Land gehen wir in der Regel davon aus, dass andere ticken wie wir selbst. Allzumal, wenn wir uns verlieben und diese eigenartige Nähe empfinden, die verbale Verständigung scheinbar überflüssig macht.

Jeder ist sein Universum

Wie ich zeigen möchte, ist das ein schwerer, und folgenreicher Irrtum! Denn jeder verbindet mit Küssen, Erdbeerkuchen oder was auch immer etwas völlig anderes. Das kann auch gar nicht anders sein, weil jeder andere Erlebnisse, Gefühle und Gedanken damit verknüpft hat. Schon aufgrund unseres Geschlechtes nehmen wir die Welt anders wahr. Da mag sich die Gender-Fraktion winden wie sie mag:

Frauen sind den Gefühls-Aspekten einfach näher als Männer, die eher die rationalen Aspekte erfassen.

Hinzu kommt die soziale Schicht: wächst jemand in einem reichen Elternhaus auf, wird Geld nie Thema sein. Der Arme hingegen denkt ständig darüber nach, und neigt zu Minderwertigkeitsgefühlen, wenn er nicht genügend davon ergattern kann. „Was, Du fährst nur einen Corsa?“ Ein Esoterik-Anhänger sieht die Welt mit völlig anderen Augen als ein strammer Kommunist, und ein Surfer anders als ein Jazz-Musiker. Klar soweit?

Wir können also nicht mehr davon ausgehen, dass jemand tickt wie wir selbst, nur weil er vielleicht den gleichen Fußballclub mag, auch gern wandern geht oder die gleiche Partei wählt. Das ist immer nur ein Teilchen in einem großen Puzzle. Bevor wir uns an einen Menschen binden, als Lebens- oder Geschäftspartner, müssten wir erstmal Zeit investieren und fragen: Was verstehst Du unter Beziehung, Freundschaft oder Freiheit? Gibt es Gott für Dich und Reinkarnation? Wo willst Du hin im Leben, und warum magst Du Erdbeeermarmelade?

Du bist mir ein Rätsel – na prima!

Diese Fragen sind oft unbequem. Zum einen, weil sich immer noch viele Menschen dann wie beim Verhör fühlen. Zum anderen, weil die wenigsten in der Lage sind, solche Fragen zu beantworten. Sie haben einfach noch nie darüber nachgedacht! Und warum nicht? Weil man in der Schule und den Medien zwar gelehrt darüber schwadroniert, wie einzigartig doch jeder sei, bisher aber nicht die nötige Konsequenz daraus gezogen hat.

Die Konsequenz wäre nämlich die Einsicht, dass jeder Mensch ein Rätsel ist, ein unbekanntes Unversum.

Wir wissen eben nicht, was jemand denkt, fühlt oder will – bis wir ihn fragen. Deshalb bräuchten wir eine Fragekultur, und müssten üben, uns staunend, offen und ohne Schubladen zu begegnen. So, als würden wir nach China oder auf den Mars reisen.

Wir reden hier über einen bisher wenig bekannten, kaum diskutierten Wandel in der Menschheit. Denn bis noch vor kurzer Zeit war es „normal“, dass die Eltern den Lebenspartner für ihren Nachwuchs aussuchten und Rollen waren zementiert. Selbstverständlich trat der Sohn in des Vaters Fußstapfen, und natürlich stand eine Frau am Herd. Diese Fremdbestimmung wird nun immer vehementer abgelehnt!

Dahinter steht der Freiheitsimpuls, den ich hier beleuchtet habe. In uns, aktuell besonders den europäischen Völkern, lebt der Drang nach Freiheit – also der Möglichkeit, selbst über Richtig und Falsch zu entscheiden. Solange mir ein König, die Traditionen, Eltern oder wer auch immer vorschreiben, was richtig ist, solange bin ich nicht frei. Menschheitlich gesehen rebellieren wir gegen das Althergebrachte – und mag es noch so richtig sein – wie pubertierende Kinder gegen die Eltern.

Der Weg aus Babylon

Die Folge dieser  zeitgemäßen Emanzipation ist, dass nun kein Konsens mehr herrscht über Richtig und Falsch, oder wie man etwas zu sehen und zu fühlen hat – je nach Geschlecht, Herkunft und Stand in der Gesellschaft.

Die Befreiung des Individuums brachte uns als Schattenseite eine wahrhaft babylonische Sprachverwirrung!

Fazit: Gehe nicht davon aus, dass jemand denkt und fühlt wie Du, nur wegen ein paar oberflächlichen Übereinstimmungen. Lerne andere Menschen als Rätsel sehen, und öffne Dich für ihre Sicht der Dinge. Als Folge der Individualisierung nimmt die Einsamkeit zu, denn jeder kommt von seinem eigenen Planeten. Schnelle Verbrüderung unter welchem Motto auch immer (Du willst doch auch Kinder?) ist kein Heilmittel gegen die zunehmende Entfremdung. Statt Speed-Dating brauchen wir eine neue Begegnungs-Kultur.

Ihr Motto ist: „Bitte erzähle mir von Dir, Deinen Erfahrungen und Ansichten.“ Erst wenn sich Übereinstimmung in wesentlichen Fragen herausstellt, sollten wir eine Partnerschaft in Betracht ziehen. Es wird eine ganze Weile dauern, bis wir als Menschheit wieder zusammenfinden. Der Trost ist, dass wir jeden Tag spannende und lehrreiche Begegnungen haben können. Denn um uns herum sind lauter Außerirdische, die diese Welt aus ganz anderen Augen sehen.

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Thomas C. Liebl
 

Bewegungslehrer, Autor, Visionär. Mehr Infos hier.