Raubtierkapitalismus – zur Vertierung des Menschen (1)

Oft hört man Klagen über den Raubtierkapitalismus. Sie zeigen vor allem den Mangel an Bewusstsein für die systematische Vertierung von Menschen.

Raubtierkapitalismus anzuklagen finde ich ähnlich betriebsblind, als würde man sich über Schwindelgefühle beim Achterbahnfahren wundern. Doch der Reihe nach:

Welche Bilder weckt der Begriff Raubtierkapitalismus in uns? Tauchen da nicht scharfe Zähne und Krallen auf, blutige Lefzen, Gier und Beute machen? Wir sehen Leute vor uns, die sich Häuser, Firmen oder Grundstücke en masse einverleiben, und zwar ohne jede Hemmung und Rücksicht. Leute, die riesige Vermögen aufhäufen, und dabei über Leichen gehen.

Wir empfinden: solch rücksichtsloses Handeln ist für Tiere angemessen, aber nicht für Menschen.

Bemerkenswert finde ich, dass wir durchaus einen Unterschied zwischen Mensch und Tier empfinden. Das kommt ja auch in vielen Redewendungen zum Ausdruck, wie etwa in:

  • er ist verroht
  • ich bin doch kein Hund!
  • du sollst essen, nicht fressen
  • wir müssen ihn an die Leine legen etc.

Gefühlsmäßig scheint klar, dass es zwischen Menschen und Tieren einen Unterschied gibt, dem wir mit unserem Handeln Ausdruck verleihen. Mensch-Sein ist eine Verpflichtung Rücksicht zu nehmen, oder Weitblick zu entwickeln statt nur den Futtertrog zu sehen.

Die Frage ist: sind wir uns im Alltag dieser Verpflichtung bewusst?

Empfinden wir unsere Menschenwürde und handeln danach – oder noch präziser: dürfen wir danach handeln? Nein, behaupte ich! Das dürfen wir nicht.

Von Stimmvieh und Alphatieren

Lauscht doch mal auf Begriffe wie Wahlvieh oder Stimmvieh, oder der Mensch ist ein Herden-Tier, gelenkt von Alphatieren und dem Leitwolf. Warum reden wir so über uns Menschen? Sind das nur Floskeln, Redewendungen halt? Ist es Zufall, dass wir nicht mehr von Interesse entwickeln reden, sondern dass einer Blut geleckt hat, oder wir uns durchbeißen müssten, statt Durchhaltevermögen zu zeigen?

Wer sich schon mal mit Teambildung beschäftigt hat, weiß, dass dort mit genau diesen Begriffen aus dem Tierreich gearbeitet wird, mit Alphatieren, Betas und Omegas. Gänzlich unverhüllt zeigt sich: wir nehmen uns das Tierreich zum Vorbild, übertragen deren Lebensweise auf uns selbst! Ist das nicht erstaunlich?

Das ist aber nicht nur in der Arbeitswelt so: schon in der Schule behandelt man uns wie (faule) Tiere, die mit der Peitsche des Notenterrors durch den Lehrplan geprügelt werden müssen. Denn das ist ja einer der tiefgreifenden Unterschiede zwischen uns Menschen und unseren Tiergeschwistern, dass wir mit Interesse und einem Lernwillen auf die Welt kommen.

Schaut Euch Kinder an, wie sie alles mit großen, staunenden Augen betrachten und verstehen wollen!

Tiere tun das maximal nur in den ersten Lebenswochen, dann zeigen sie das für sie typische, an ihren speziellen Lebensraum angepasste Verhalten. Warum also wird unser mitgebrachter Lernwille in der Schule nicht aufgegriffen und gefördert? Warum setzt man uns wie Hunde vor den Trog mit Lernfutter, und zwingt uns, alles zu schlucken – egal ob wir darauf Lust haben und Interesse empfinden? Und vor allem: warum hetzt man uns schon früh aufeinander im Kampf um die beste Note?

Erziehung zum Raubtier

Die Antwort ist so einfach wie absurd: wir behandeln uns wie Tiere, weil sich Darwin durchgesetzt hat! Seine Theorie – die bis heute unbewiesen ist – hat sich in die Köpfe geschlichen.

Der Glaube, wir seien Affen mit einem größeren Gehirn, hat sich in der akademischen Welt durchgesetzt.

Und deshalb fußen alle pädagogischen Konzepte, und auch alle Staatstheorien (ich erinnere an das Wahlvieh!) auf der meist stillschweigenden Annahme, wir seien Tiere. Raubtierkapitalismus haben wir nur, weil wir zu Tieren erzogen werden!

Natürlich hat man uns auch ein paar Anstandsregeln eingetrichtert (Du sollst nicht stehlen und so), aber das, was uns zum Menschen machen würde, wurde nicht gefördert! Ein Mensch ist ein vollkommen anderes Wesen als ein Tier, verwandt zwar, aber doch ganz anders.

Und nur, wenn wir eine menschengemäße Behandlung bekommen, kann aus hilflosen Säuglingen ein Mensch werden.

Mensch sind wir nicht durch unsere Gestalt, weil wir Arme und Beine haben. Mit „Mensch“ ist ein Ziel gemeint, etwas, das wir erst werden müssen. Wir sind nur Anwärter auf dem Weg, die Menschenwürde zu erringen. Weil wir in der heutigen Gesellschaft nicht bekommen, was wir zu dieser Entwicklung brauchen, deshalb verrohen wir. Man behandelt uns wie Vieh, und deshalb mutieren wir zu etwas, das aber schlimmer ist als jedes Tier. Denn ein Löwe hört zu fressen auf, wenn er satt ist. Menschliche Raubtiere aber nicht.

Wölfe Pixabay

Raubtiere leben in Harmonie mit dem Ganzen.

Raubtierkapitalismus wird nicht durch weinerliche Appelle an mehr Menschlichkeit verschwinden, sondern erst,

…wenn wir von Kind an den Weg des Menschen gehen dürfen.

Über diesen „Weg des Menschen“ werde ich noch viel schreiben. Hier wollte ich erstmal nur zur Frage anregen: „Bin ich ein Tier?“ Und wenn nicht: was macht einen Menschen aus?

Weiter zu: Freiheit oder die Gnade der Hilflosigkeit (2. Grundlagen-Beitrag)

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Thomas C. Liebl
 

Bewegungslehrer, Autor, Visionär. Mehr Infos hier.