Wirtschaftswachstum und das Recht auf Konsum

Jedes Wesen wächst und altert, wechselt zwischen Wachsen und Schrumpfen. Einzige Ausnahme: unsere Wirtschaft! Klärende Gedanken zu einer beliebten Phrase.

Was ist Wirtschaft?

Stell Dir vor, man würde von seinem Kind erwarten, jedes Jahr zu wachsen, wenigstens ein bisschen. Bis 18 oder 20 mag das ja richtig sein, aber danach? Wäre schon seltsam, so ein fünf Meter großer Mensch, und unpraktisch dazu. Bei lebenden Organismen, wie wir es sind, ist uns völlig klar, dass sie irgendwann ausgewachsen sind. Dann schrumpfen sie nur noch. Bei der Wirtschaft offensichtlich aber nicht, denn sie soll immer nur wachsen.

Das fällt uns vielleicht deshalb nicht auf, weil wir so einen distanzierten Bezug zu DER Wirtschaft haben. Man redet darüber, als handle es sich um eine unbekannte Lebensform, von deren Launen wir irgendwie abhängig sind (siehe auch hier).

Dabei ist „Wirtschaft“ doch nur der lapidare Vorgang, dass ein Teil der Gemeinschaft herstellt, was der Rest zum Leben braucht.

Krieg zwischen Produzenten und Konsumenten

Früher hat jeder sich selbst versorgt, heute erledigen wir das in Arbeitsteilung. Wie aber soll der produzierende Teil der Gemeinschaft wissen, was die anderen brauchen? Richtig, da müsste man reden! Die Dorfgemeinschaft, um ein griffiges Bild zu wählen, müsste dem Fischer sagen, wieviel Fische im nächsten Monat benötigt werden, wieviele Brote der Bäcker backen soll etc. Im Rahmen des Möglichen (!) müsste jeder formulieren, wieviel er zum Sattsein braucht. Das wäre bedarfsorientiertes Wirtschaften.

Tatsächlich wird heute aber nicht geredet, und auch nicht nach Bedarf produziert; statt potentielle Kunden direkt zu fragen, werden sie indirekt be-fragt, etwa durch Marktforschungsinstitute. Ihre Gewohnheiten und Wünsche werden ausgespäht, um zu erraten, was sie wohl wollen könnten. Hat man sich verschätzt und zu viel produziert, tja, dann ab auf die Müllhalde damit.

Wir leben kein Miteinander von Mitgliedern EINER Gemeinschaft, sondern ein Gegeneinander, das oft genug zum erbitterten Streit auswächst, z.B. bei Reklamationen. Es ist eine regelrechte Feindschaft geworden, die sich längst zur gezielten Manipulation von Produkten gesteigert hat, die kurz nach der Gewährleistung den Geist aufgeben. Man nennt das so schön harmlos geplante Obsoleszenz.

Wieviel ist genug?

Lassen wir das alles im Moment mal außer Acht, und kommen zur Aussage zurück, die Wirtschaft müsse wachsen. Das bedeutet ja, dass jedes Jahr mehr produziert werden muss, richtig?

Frage: haben wir nicht schon mehr, als irgendjemand konsumieren kann?

Sicher, der Gier und Völlerei sind keine Grenzen gesetzt, weder bei Essen noch bei Fernsehern oder Sofas. Aber wir reden von einem vernünftigen Maßstab, von Sattsein plus Wohlfühlfaktor. Und den haben wir längst erreicht, zumindest was die Menge der Produkte anbelangt (wie gerecht sie verteilt werden, ist eine ganz andere Frage).

Obwohl das so ist, soll also trotzdem die Produktion erhöht werden? Obwohl klar ist, dass uns langsam aber sicher die Ressourcen ausgehen (Wasser, Öl, Rohstoffe…) und die Meere bereits jetzt zugemüllt sind? Ist dieser Irrsinn irgendwie erklärbar, dieses „sehenden Auges in den Abgrund marschieren“?

Ja, er ist erklärbar, nur liest man das nirgends.

Um Sachen zu kaufen brauchen wir Geld. Das bekommt jedoch nur, wer Arbeit hat, sei es angestellt oder selbständig. Geld wird also (außer bei Erben und Beziehern von Zinserträgen etc.) nur an die ausgeteilt, die Arbeit haben. Durch fortschreitende Technisierung und Prozessoptimierung schwinden die Arbeitsmöglichkeiten aber, und immer mehr Menschen stehen auf der Straße. Wie kommen die jetzt an ihr Geld?

Die gängigen Antworten sind:

a) neue Arbeitsplätze schaffen (z.B. im beliebten Dienstleistungssektor)
b) oder die bisher laufende Produktion steigern.

Wie komme ich an mein Recht?

Klingt logisch, oder? Irre zwar, wegen der Konsequenzen, aber logisch. Da steht also ein arbeitsloser Mensch vor der gefüllten Auslage der Bäckerei oder im Autohaus (Produkte sind ja da!), darf aber nichts davon abhaben. Um sich dieses Recht zu erwerben, muss er eine Geldausgabestelle finden, und das ist entweder eine Bank oder eben ein produzierendes Unternehmen. Die Bank leiht z.B. BMW Geld, mit dem sie Autos produzieren. Ein Teil landet bei den Arbeitnehmern, die damit beim Bäcker einkaufen können. Geld kommt also nur in Umlauf, wenn mehr und mehr produziert wird.

Mein Vorschlag: das Dilemma wäre lösbar, wenn wir (über die Banken) den Menschen das Geld einfach so geben würden!

Ah, ich höre förmlich den Aufschrei, „das sei doch Kommunismus, dann gäbe es Inflation oder Geld müsse doch verdient werden“. Das ist zwar alles nicht richtig, aber man hat uns gut dressiert, sofort auf die Palme zu gehen, sobald allzu berechtigte Fragen laut werden. Bleiben wir dagegen kühl und sachlich, können ganz andere Aspekte ans Licht kommen. Sie lauten:

  1. Jeder hat nicht nur das Recht zu atmen, sondern auch zu essen, sich zu kleiden und ein Dach über dem Kopf zu haben. Wie jedes Recht ist auch dieses nicht an Bedingungen geknüpft.
  2. Geld ist nichts weiter als das Mittel, diesen Anspruch geltend zu machen! Folglich muss es jedem immer dann zur Verfügung gestellt werden, wenn Produkte produziert und angeboten werden.

Ich behaupte also, das die zu leistende Arbeit in einer Gesellschaft nichts mit dem Recht auf Konsum zu tun hat. Beide sind getrennt zu behandeln. Revolutionäre Gedanken, die ich im nächsten Artikel vertiefen werde.

Fazit:

  • „Wirtschaft“ ist kein Wesen, das getrennt vom Rest existiert. Wirtschaft ist jener Teil der Gesellschaft, der für die anderen das Lebensnotwendige herstellt.
  • Würden Konsumenten und Produzenten miteinander reden, könnten wir bedarfsgerecht produzieren.
  • Entkoppeln wir zusätzlich Arbeit von Einkommen durch eine Änderung des Geld- und Rechtssystems, könnte nicht nur auf vorhandene Ressourcen Rücksicht genommen werden, sondern auch die durch Maschinen eingesparte Arbeitskraft anderweitig sinnvoll genutzt werden.

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Thomas C. Liebl
 

Bewegungslehrer, Autor, Visionär. Mehr Infos hier.

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