Verstehen lernen statt streiten

Sich zu streiten gehört zu den anstrengendsten Dingen im Leben. Doch ist Streit nicht nötig und zwangsläufig, wenn man unterschiedlicher Meinung ist? Ein Plädoyer für eine neue Verstehenskultur.

Wie kann man nur so denken?

Die einfachste, klarste Form von Streit ist, wenn unterschiedliche Meinungen aufeinanderprallen. Hier ein persönliches Erlebnis: in einer geselligen Runde ging es ums Grundeinkommen. „Ja“, kam von M. der klassische Einwand, „wenn jeder einfach so Geld bekäme, würde niemand mehr arbeiten“. Ich fragte ihn, ob er selbst noch arbeiten würde. Ja, würde er, denn im Bett sei es zu langweilig. Seine Eltern? Ja, die würden wohl auch nicht untätig bleiben. Freunde? Ja, die auch.

Also alle, die M. kannte, würden arbeiten, die große Mehrheit aber nicht, so beharrte er. Denn die Masse der Menschen sei dumm und faul. Ich vertrat den gegenteiligen Standpunkt und langsam wurde es hitzig. Alles in mir sträubte sich gegen so eine irrationale Denkweise. Als ich langsam laut wurde, legte mir S. zum Glück die Hand auf den Arm und verhinderte eine Eskalation. Was ist da passiert?

Im Rückblick fiel mir auf, dass es einen Moment im Gespräch gab, wo seine Position klar herausgearbeitet war. Da hätte man es ja auch gut sein lassen können, denn es ging ja um nichts! Wen juckt es und was verändert es, was wir hier besprechen? Es gab nichts zu entscheiden, also warum die Aufregung?

Aber etwas in mir wollte das nicht so stehen lassen, wollte sich durchsetzen, Recht behalten.

Ich nenne das den Geist der Zwietracht, der Lust auf Unfriede hat und Entzweiung; und wenn er erwacht, wird es persönlich. Da geht es dann nicht mehr um die Sache, sondern gegen den anderen Menschen. Er wird zum Feind, den man besiegen will, bis hin zur Vernichtung. Kennst Du ihn auch, diesen Dämon in Dir?

Der Geist der Zwietracht

Meine Erkenntnis war, dass nicht mein Gegenüber für den Streit verantwortlich ist, weil er oder sie so blöd ist, sondern ich selbst. Wir kennen das ja, wenn jemand auf Streit aus ist. Da sucht man sich ein Opfer, ohne Ansehen der Person.

In jeder Seele, so behaupte ich, schlummert diese Streitlust, die sich bis hin zur mörderischen Wut steigern kann.

Sicher tragen auch unsere Mitmenschen bei, den Dämon zu wecken, dazu gleich mehr; aber ob ich im Frieden oder Unfrieden mit der Welt bin, ist grundsätzlich von mir selbst zu verantworten.

Wenn ich das Haus verlasse und unter Menschen gehe, halte ich heute inne und sage mir einen schönen Satz aus der Menschenweihehandlung der Christengemeinschaft vor: „Im Frieden stehe ich zur Welt. Eine Mauer hindere meine Irrung, um mich zu strömen. Alles Böse sei meinen Worten entnommen, und guter Wille ergieße sich in sie.“

Früher hängte man oft Sprüche über die Eingangstür, wie Möge der Frieden in diesem Haus wohnen. Und andersrum sprach man davon, dass der Krieg ins Land zog. Dem lag die Wahrnehmung zugrunde, dass „der Friede“ und „der Krieg“ reale Wesenheiten sind, die man rufen oder auch bannen kann.

Aktiv Frieden schließen

Das wirksamste Mittel gegen Streit ist für mich deshalb, immer wieder miteinander Frieden zu schließen. Wer auch immer beisammen ist, die Familie, die Kollegen oder das Fußballteam, jeder ist gleichermaßen willkommen, denn er ist mein Menschenbruder. Friede sei mit Dir, sagen die Araber, und Grüß Gott in Bayern. Damit war ursprünglich gemeint „Ich grüße den Gott in Dir, denselben, der auch in mir wohnt“. Diese grundsätzliche, gegenseitige Anerkennung ist die stabile Basis, auf der auch Meinungsverschiedenheiten ausgetragen werden.

Wird die Luft dicker, gilt es innezuhalten, auszuatmen und den Frieden zu erneuern. So sagte Michael Jackson gerne, wenn er bei einem Musiker etwas zu kritisieren hatte: I say it with love! Ich sage es in Liebe.

Diese Anerkennung des anderen in seiner Eigenart, so sein zu dürfen wie er oder sie nunmal gestrickt ist, findet ihren Niederschlag auch in der Art, wie wir miteinander umgehen!

Ja-Aber

Eine sichere Methode, um Streit zu provozieren, ist „Ja-aber“ zu sagen, also nicht wirklich zu hören, was jemand sagt, sondern gleich gegenzuschießen. Das bringt wohl jeden auf die Palme, und zwar wegen der darin zum Ausdruck kommenden Respektlosigkeit. Es ist ja verständlich, gleich entgegnen zu wollen; aber in Worten drücken wir unser Inneres aus, unsere Seele. Und für jeden ist diese Innenwelt einzigartig und bedeutsam! Es ist mein Erleben, und das möchte niemand missachtet sehen.

Respekt für diese Einzigartigkeit erweisen wir durch ruhiges Abwarten, bis jemand seine Sichtweise vorgebracht hat, gefolgt von der Nachfrage: wenn ich dich richtig verstanden habe, dann wolltest du dies oder jenes ausdrücken? Nicht selten zeigt sich, dass dem nicht so ist, dass wir selbst etwas missverstanden haben oder der andere sich unklar ausdrückte. Die Gedanken zu sortieren und auszudrücken gleicht ja oft einem schweren Geburtsprozess.

Dieses Nachfragen beruhigt die Situation, und wir schenken dem anderen einen ruhigen Raum, in dem er sich offenbaren kann. Was jemand sagt, und wie es gemeint ist, sind in der Regel zwei ganz verschiedene Sachen. Hinter einer Äußerung wie „ich mag keine Spaghetti“ steht ja eine komplexe Welt an Erlebtem und Gedachtem, von Urteilen und auch Vorurteilen. Dieses Bild vermittelt sich dem Gegenüber nur durch Nachfragen!

Zur Sache bitte

Ich habe viel Zeit in Konferenzen verbracht, und konnte immer wieder folgendes erleben: vordergründig wurde zur Sache gesprochen, aber unterschwellig waren die Beiträge mit Unterstellungen, Herabsetzungen und Seitenhieben nur so gespickt. Da wurden Machtkämpfe vom Feinsten ausgetragen und Ränke geschmiedet, aber alle taten so, als ginge es um die Sache. So kann das nichts werden.

Das ist das gleiche Spiel in vielen Beziehungen: eigentlich soll nur irgendetwas Harmloses geklärt werden, und plötzlich wird schmutzige Wäsche gewaschen. „Ja du immer mit deiner Rechthaberei… Ich habe doch damals schon gesagt… Du bist halt ein Egoist…

Wow! Wenn das passiert, hilft nur sofortiger Stop der Sachdiskussion! Da hat jemand etwas (wahrscheinlich schon lange) auf der Seele, das sich hier plötzlich Bahn bricht. Das muss erst gehört werden und Friede gesucht werden. Denn wo Menschen im Frieden sind, lassen sich Sachfragen in der Regel leicht klären.

Du k… mich an

Dieser Typ da, den hab ich echt gefressen! Wie die wieder aussieht! Bemerkungen wie diese können entweder zu Feindschaft und Mobbing führen, oder zur Selbsterkenntnis. Warum empfindet der Ungar einen Deutschen als so pingelig, und der Deutsche den Ungarn als schlampig? Oder warum könnte der flinke Sanguiniker aus der Haut fahren, wenn der Phlegmatiker mal wieder nicht in die Gänge kommt? Oder warum stoßen sich Frauen an der scheinbaren Gefühlskälte der Männer, und die sich am ewigen Gegackere der Frauen?

Weil wir als Individuen nur einen kleinen Teil der Möglichkeiten an uns tragen, wie man die Welt sehen, fühlen und denken kann.

Wir sind einseitig, und stoßen uns zwangsläufig an dem, was uns fremd ist. Man kann sich aber klar machen, dass die Welt Männer und Frauen braucht, mit ihren einzigartigen Begabungen. Genauso braucht sie Flinke wie Bedächtige, Denker und Praktiker. Wer das versteht, kann seine ablehnenden Gefühle gegenüber „diesem Typen“ als Weckruf verstehen. Dieser da ist ganz anders als du selbst, von ihm oder ihr kannst du lernen!

Wir sind alle Kinder Gottes, aber dieses Gemeinsame, Verbindende muss hinter der Fassade der Eigentümlichkeit eines jeden gesucht werden! Es wäre ja keine Schatzsuche, wenn sie nicht anstrengend und mühevoll wäre.

Thomas C. Liebl
 

Bewegungslehrer, Autor, Visionär. Mehr Infos hier.

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