Fußballfans, Flittchen und der Sinn von Kultur (9)

Wie bereits öfter beschrieben ist die Vertierung des Menschen im vollen Gang. Ein wesentlicher Schritt dabei ist die Verneblung und Verunglimpfung des Begriffs „Kultur“.

Ein Lob auf die Schönheit

In Italien z.B. sieht man überall noch gut gekleidete Menschen. Oder in Istanbul: ich staunte nicht schlecht, wie viele Frauen in adretten Kleidern dort das Straßenbild zieren, mit schönen Flechtfrisuren und dezentem Schmuck und Schminke. Einfach herzerwärmend!

Im Vergleich dazu laufen die Deutschen regelrecht abgerissen herum.

Je ausgetretener die Turnschuhe, desto besser. Schöne Haare oder gar Flechtfrisuren? Sehr selten, dafür aber um so grellere Tönungen und übertriebene Schminke, zerrissene Hosen und kaum bekleidete Mädels in Leggins. Was man früher Flittchen nannte ist nun „normal“.

Man stelle sich vor: bis zum 2. Weltkrieg gab es auch in Deutschland noch Konsens darüber, dass man nur gut behütet auf die Straße geht, also mit einer Kopfbedeckung! Wie konnte sich unsere Gesellschaft so schnell und tiefgreifend wandeln? Kommt das aus den Menschen selber, oder wurde da medial nachgeholfen?

Gewollter Sittenverfall?

Es hat den Anschein, als wollte man aus potentiellen Dichtern und Denkern Proleten machen, denn klammheimlich verzichtete die Justiz darauf, die sogenannte „Erregung öffentlichen Ärgernisses“ weiterhin zu ahnden. Und halbbekleidete Frauen gehörten eindeutig in diese Kategorie, wie auch das Lärmen von Fußballmeuten. Heute steht die Polizei nur noch untägig daneben.

Warum eigentlich? Woher der Sinneswandel bei denen da oben?

Was hat es auf sich mit den guten alten Sitten, dem Anstand und Manieren? Alles überholt? Warum sollte es einen Wert haben, sich gewählt auszudrücken zu können und ein zivilisiertes Benehmen an den Tag zu legen? Alles Ausdrücke, die man heute kaum noch hört. Statt vornehmer Zurückhaltung überall brüllende, schreiende Massen. Ja, lass alles raus! Das ist gut, wie uns die „Psychologen“ sagen. Doch ist es das?

Ich – führe – mich

Sind wir nicht gerade dadurch Mensch, dass wir eben nicht jeder Laune nachgeben, sondern den Schweinehund in uns überwinden? Kultur kommt vom lateinischen cultura, was Bearbeitung oder Pflege bedeutet.

Wie ich bei Freiheit oder die Gnade der Hilflosigkeit ausführte, kommen wir ohne fix und fertig ausgebildete Fähigkeiten auf die Welt. Wir müssen einen Bewusstseinsprozess durchlaufen, um laufen zu lernen, rechnen oder um Zusammenhänge verstehen.

Aber gerade weil wir das tun, bin ICH es, der irgendwann läuft, rechnet oder versteht!

Laufen lernen heißt, bewusste Kontrolle über den eigenen Körper zu bekommen, und um zu verstehen müssen wir unsere Gedanken lenken lernen, die ansonsten chaotisch und zusammenhangslos in uns herumschwirren. Grammatik z.B. ist vor allem ein Lehrmeister in Gedankenführung. Wer also nicht ordentlich und möglichst differenziert sprechen lernt, entwickelt zwangsläufig Verständnis-Defizite.

Ohne Fleiß – kein Preis, sagt der Volksmund. Wie zutiefst recht er hat! Ohne Herrschaft über unsere Seelenkräfte (denn unsere Seele denkt, empfindet und lenkt den Körper!) kommen wir nicht in den Genuß der Freiheit, die uns geschenkt wurde. Dann finden wir auch nicht auf unseren Lebensweg, denn wir haben keinen Kompaß eingebaut wie unsere Tiergeschwister.

Sich als Frau die Haare zu flechten schult nicht nur Fingerfertigkeit, was Auswirkungen auf die Ausreifung des Gehirns hat; es fördert auch das dreidimensionale Denken, den Sinn für Form, Schönheit und natürlich Geduld. Und die Mahnung, sich bitte ordentlich gewandet in die Öffentlichkeit zu begeben, ist wiederum heilsam für unser Zusammenleben; denn da ging und geht es um Respekt füreinander, und die Besinnung, dass wir nicht alleine auf der Welt sind. Gerade in Zeiten zunehmender Ich-Bezogenheit…

sollte weniger das Falschparken angemahnt werden, als vielmehr gemeinschaftsverträgliches Benehmen in der Öffentlichkeit.

Fazit:
Menschen sind dringend auf Kultivierung angewiesen, um Herrschaft über ihr Denken, Fühlen und Wollen zu bekommen. Deshalb ist es einfach irreführend, Rock, Pop oder gar Techno aus Ausdruck einer Musik-Kultur zu bezeichnen. Denn in der Disko zu Stroboskop-Gewitter epileptisch herumzuzucken erhöht mit Sicherheit nicht die Fähigkeit, sich innerlich führen zu können.

Dazu braucht es Tanz – auf möglichst hohem Niveau; wie auch Gesang, Malerei, Dichtkunst und (Kunst-)Handwerk. Warum wandten Menschen weltweit und zu allen Zeiten wohl so viel Zeit und Mühe auf, nicht nur Kleidung und Alltagsgegenstände aufwändig zu verzieren, sondern sogar ihre Waffen? Oder besser: warum ordneten die Kulturbegründer und -führer, die Priester-Könige alter Tage dies an?

Weil sie wussten, dass die in Menschen schlummernden Fähigkeiten veredelt werden müssen.

Weiter zu: Die Entwicklung der Menschheit aus geistiger Sicht (10. Beitrag aus „Grundlagen“)

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Thomas C. Liebl
 

Bewegungslehrer, Autor, Visionär. Mehr Infos hier.